Kultur · Remembrance

Ron Segal und die Erinnerung der Dritten Generation

Ron Segal: Jeder Tag wie heute. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Wallstein Verlag. Göttingen, 2014. 139 Seiten.

Der 1980 in Israel geborene Ron Segal  hat sich in seinem 2014 erschienen Romandebut „Jeder Tag wie heute“ mit jener Erinnerungsarbeit auseinandergesetzt, die die dritte Generation der Hinterbliebenen des Holocaust literarisch leisten können. Im Rahmen der Lesungsreihe Kombo Kosmopolit diskutiert er im Wiener Literaturhaus das Problem von Hococaust und Erinnern  und erzählt von seinen Recherchearbeiten in Yad Vashem und der Genese des Buches.

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Naemi Latzer und Ron Siegel @Literaturhaus Wien. Copyright: B.Burgmann

Zwei Jahre habe er immer wieder im Archiv von Yad Vashem dort verbracht, so erzählt er, um aus den vielen Lebensgeschichten jene auszuwählen, die dann später zur Substanz seines Romans geworden sei. Jahrzehnte hätte er in den dort lagernden Lesegeschichten lesen müssen, um sie alle kennenlernen zu können. So sei ihm nur übrig geblieben, sich auf die Lektüre einer kleinen Auswahl von Biographien zu beschränken. Bestimmte biographische Elemente seien ihm dabei besonders wichtig geworden, sodaß er sie verwendet und in seinem Roman eingearbeitet habe. Dennoch sei sein Buch Fiktion. Es thematisiere die Möglichkeiten von Erinnerung.

Ron Segal wurde 1980 in Israel geboren und lebt seit 2009 mit Unterbrechungen in Berlin. Er ist zur sogenannten dritten Generation der Überlebenden des Holocaust zu zählen. Sein Bemühen um Erinnerung spiegelt die unwägbare Situation wider, in der sich das Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus mit dem Aussterben der letzten Zeitzeugen befindet. Beide Zeitzeugen sterben, die Opfer aber auch die Täter des Holocaust. Das Buch stellt darüber hinaus auch eine grundsätzliche Frage: Wie funktioniert individuelle Erinnerung? Letztendlich: Wie legt man Bilanz über sein Leben, das letzten Endes doch nur aus Erinnerung besteht und unter zwischen den Fingern zu zerrinnen droht? Dazu ein kurzes Zitat aus dem Buch:

Den Anfang hat kein Mensch in Erinnerung. Das Einzige, woran man sich halten kann, ist das pathetische Ende der alten Leute, denen die Erinnerungen an die Lebensmitte zwischen die Synapsen im Gehirn gefallen sind, und anders als sämtliche Kinder und Enkel denken, die sie in den Altersheimen besuchen, sind diese Alten sich sehr wohl bewußt, was ihnen geschieht, kennen sie dieses zuletzt geschriebene Kapitel, das sie notgedrungen in Erinnerung behalten – dieses und nur dieses.

Ron Segal erzählt die Geschichte des Adam Schumacher, eines Juden, der im hohen Alter widerstrebend nach Deutschland zurückgekehrt ist, um auf Einladung eines befreundeten Verlegers Max eine Fortsetungsgeschichte mit dem Titel  „Adam Schumachers Rückkehr“ zu schreiben. Er leidet an der Alzheimer Krankheit, die während seines Aufenthaltes in Münschen zum Ausbruch kommt. Als er auch noch einen Schlaganfall erleidet und im Spital ans Krankenbett gefesselt ist, verschwimmen Gegenwart und Erinnerung zu einer Phantasmagorie, die die Zeit seines erwarteten Todes begleitet. Bruchstücke seiner Flucht vor den Nationalsozialisten, des Todes seiner Frau Bella und seines Besuchs einer Sterbeklinik in der Schweiz vermischen sich zu einer subjektiven Realität, von der nicht mehr mit Bestimmtheit zu sagen ist, was Wahrheit ist oder Erfindung. Somit wird das Buch zu einer doppelten Erinnerung: jene des Protagonisten Adam Schumacher, der sein Leben zu einem Abschluß bringen will und jener des Autors, der sich mit Erinnerung an und dem Vergessen der Schoa auseinandersetzt. Darüber hinaus ist das Buch auch eine Reflexion über die Funktion der Erinnerung selbst, ein mit verzweifelter Heiterkeit formuliertes Testament für nachfolgende Generationen:

To hear a witness is to become a witness yourself.
(Elie Wiesel)


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