Kultur · Remembrance

Vielleicht geht die Welt ja auch unter …

Ich kenne keinen echten Franzosen. Aber was ist das überhaupt?
(Jugendliche aus Aulnay-sous-Bois im Film „Taggers“)

Über „die Flüchtlinge“ und auch über die „unechten“ ÖsterreicherInnen wurde in letzter Zeit so viel wie noch nie geschrieben und geredet. Da war viel Verantwortungsloses dabei, viel Menschenverachtendes, viel Sadistisches. Mit Recht ist von Rassismus die Rede, etwa in Bezug auf die Islamhetze, die nicht nur in Österreich ausgebrochen ist. Und daneben erleben wir Antisemitismus jedweder Prägung.

Worüber man eigentlich spricht, wenn man über die Flüchtlinge spricht, weiß niemand so richtig. Weder die rechten Hetzer, noch deren gnadenlos-verzweifelten MitläuferInnen, weder die stumpfen Lifestyle-Fetischisten und noch die coolen Handydrücker und schon gar nicht die Statistiken, die vorgeben alles zu wissen, aber nichts bewirken. In modernen Broschüren ruhen die Kennzahlen der Migration wirkungsneutralisiert auf den Schreibtischen der Verantwortlichen. Zögern als Dauerzustand, schon seit Jahrzehnten: das ist der Grund für die gesellschaftliche Misere. Draußen, auf den Straßen, wird weiterhin mißverstanden und gezündelt.

Doch reden wir von uns. Mit uns meine ich jene, die zu verstehen glauben, daß ungerechtes Weltwirtschaftssystem Kriege evoziert, Flüchtlingsströme zwangsläufig hervorruft. Mit uns meine ich jene, die sich einen Rest von Menschenwürde bewahren wollen, um Solidarität mit jenen zu zeigen, deren Leben unser Reichtum zur Hölle gemacht hat. Mit uns meine ich jene, die nicht an alternative Fakten glauben und die noch unbequeme Wahrheiten akzeptieren können. Doch auch für uns bleibt vielfach nur abstraktes Klischee, im besten Fall NACHgespürtes Leid.

Die Betroffenen selbst könnten uns Aufschluß geben: doch dazu muss man sie näher kennen, ihr Vertrauen erwerben, ihnen Zeit widmen, reales Interesse haben. Sie selbst haben meist keine Stimme und wir bleiben stets die Anderen. Die Kluft wird größer und größer. Die Wahrheit versinkt im Schmutz des Populismus, Realität kommt meist aus dritter Hand.

Und da, da ist auf einmal dieser Film, der die MigrantInnen sprechen läßt, ohne selbst in einen heuchlerischen Subtext zu verfallen. Ein Regisseur, der zuhören will und zu fragen weiß, eine Kamera, die sehen kann. Menschen, die sich öffnen, unspektakulär und mit der Unerfahrenheit ihrer Jugend. Ein stiller Raum für kurze Zeit, Lernzeit, Errfahrungsmöglichkeit. Ein Augenblick für Wahrheit. Aus Aulnay-sous-Bois, ein Ort, wo MigrantInnen  seit Jahrzehnten KONZENTRIERT sind.

Aulnay-Sous-Bois-PlaqueSignalétique
By Idris2000 – Own work, CC BY-SA 4.0,

Oliver Babinets „Swaggers“ führt uns in den berüchtigten Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois, über den auch die internationalen Medien während der gewalttätigen Ausschreitungen des Jahres 2005 so viel geschrieben haben. Nach dem Tod der beiden arabischstämmigen Jugendlichen Ziad Benna (17 Jahre) und Bouna Traoré (15 Jahre)  war es 20 Tage lang zu Jugendunruhen in ganz Frankreich gekommen, die dort im Banlieu ihren Ausgang nahmen und dann auf das ganze Land übergriffen. Die Straßen standen in Flammen, als die Jugendlichen in einem empörten Aufschrei zum Tod der beiden Kollegen aber auch zur eigenen katastrophalen Lebenssituation Stellung nahmen.

Nachbemerkung:
Aulnay-sous-Bois weckt Erinnerungen. Ich arbeitete in diesen Jahren In Paris. Regelmäßig fuhr ich mit dem RER zum Flughafen. Die Medien warnten vor der Gewalt in den Vorstädten, es war 2006. Niemals blieb der RER dort stehen, nur einmal, aufgrund einer Störung. Etwas beunruhigt aber auch neugierig stand ich dort am Bahnsteig und sollte etwa 20 Minuten warten. Ich entschloß mich, in der Nähe spazierenzugehen, kaufte mir etwas zu trinken, schlenderte mit der Erwartungshaltung eines Katastrophentouristen. Nichts war zu sehen. Die Erwartung von Gewalt, Angsterregendem, Gesetzlosem war da, aber nichts wollte passieren. Alles blieb, wie es war: ein grauer Regentag in einem häßlichen Vorort mit einer unerwünschten Fahrtunterbrechung. Nicht einmal im Auge des Zyklons schien ich gewesen zu sein.

Die Gewalt jedoch kommt stets unerwartet. Nicht in Aulnay-sous-Bois, sondern am Gare du Nord mußte ich ihren Ausbruch erleben, im März 2007. Ein jugendlicher Schwarzfahrer verwickelt sich mit Fahrscheinkontrolleuren in ein Gerangel. Er versucht zu entkommen und springt über den Sperrbalken der Fahrscheinkontrolle, direkt in die Hände der dort wartenden Polizisten, die mit Schlagstöcken auf ihn einprügeln und schließlich den am Boden liegenden festnehmen.  Bald ist die Gruppe in weitem Kreis von schwarzen Jugendlichen umringt, die sie ausbuhen und auf sie einschreien. Passanten machen einen Bogen um die Szene. Die Gewalt hat sich blitzschnell aufgeschaukelt. Ich stehe etwas abseits und frage mich, warum die Gewalt so schnell eskaliert, warum das Delikt des Schwarzfahrens mit einer derartigen Unverhältnismäßigkeit staatlicher Gewalt  begegnet wird. Warum eskaliert die öffentliche Ordnung derart? Wie oft habe ich in Wien, jugendliche Schwarzfahrer davonlaufen sehen und die Gewalt blieb höchstens verbal, wenn man versuchte hintereinander herzuschimpfen? Was war denn hier los in Paris?
Ich fuhr nach Hause. Am nächsten Tag die Bilder von einem Gare du Nord, in dem sich Jugendliche und die Polizei in dem weitverzweigten Areal erbitterte Kämpfe liefern. Die Gewalt ist eskaliert. Binnen kurzem hatten die anwesenden Jugendlichen per SMS ihre Freunde und Bekannten mobilisiert, die der lokalen Bereitschaftspolizei ein erbittertes Scharmützel lieferten und Geschäftslokale zerstörten. Die Polizei setzte Tränengas ein. Der Verkehr war bis weit über Mitternacht lahmgelegt.

Ich sehe mein Blog aus diesen Zeiten durch. Da ist immer wieder davon zu lesen, wie sehr diese Gewalt in Paris präsent war. Sie hat bis heute nicht geendet. Polizei überall, Justiz nirgends, zitiert damals, im Jahr 2007, die FAZ.

 

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