Kultur · Remembrance

The Voices: „Helden“ Platz 1938

Eine temporäre Klanginstallation von Susan Philipsz am Wiener Heldenplatz anläßlich des Gedenkjahres 2018. Ein Projekt des Hauses der Geschichte Österreichs.

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„Helden“ Platz. Copyright: Krakatoa

In der Mittagspause begehe ich mein Gedenken an die Ereignisse am 12. März 1938 als Adolf Hitler in einer minutiös geplanten und gelenkten Massenhysterie den Wahnsinn des Nationalsozialismus auch in Österreich offiziell beging. Mehr aus Neugier ging ich hin, weil bei der gestrigen Gedenkfeier jene Soundinstallation der schottischen Künstlerin Susan Philipsz zum ersten Mal uraufgeführt worden war, mit der das Haus der Geschichte Österreichs (HGÖ) erstmals öffentlich reüssierte.

Eine Kollegin von mir, die selbst bei der Gedenkveranstaltung anwesend war, hatte die Soundinstallation kritisiert und als zu leise und „zufällig“,  jedenfalls in ihrer symbolischen Verknüpfung  („Reichskristallnacht“) als berechenbar und (fast zu) platt bezeichnet.

4 Glasgefäße hatte die Künstlerin mit unterschiedlich viel Wasser gefüllt, sie zum Klingen gebracht und zu einer Toninstallation zusammengesetzt. Damit wird nun der „Helden“ Platz täglich bespielt. Jeden Tag um 12.30 und 16.30 soll sich die Aufführung für jeweils 10 Minuten wiederholen.

Deshalb bin ich hier, um mich in Ruhe den Tönen und dem Platz auszusetzen, der so schreckliche Erinnerungen evoziert.  Ich setzte mich schräg seitlich auf eine Bank vor das Reiterstandbild von Prinz Eugen, leicht abgewandt von dem Balkon, auf dem Hitler vor 80 Jahren SEINE ÖsterreicherInnen begrüßt hatte. Der Mob wütete. Erich Fried hat die Erregung von damals in seinem Gedicht Heldenplatz nachempfunden:

der glanze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick
und brüllzten wesentlich.
(Erich Fried, wien:heldenplatz

Instinktiv erlaube ich mir nicht, auf den Balkon (den „Altan“) zu blicken: ich wende mich statt dessen den provisorischen Parlamentsgebäuden zu, welche jenes Österreich repräsentieren, zu dem ich mich zugehörig fühle. Meine Blicke bleiben an den Schriftzügen der Gebäudeoberflächen hängen, die Zitate aus der Bundesverfassung darstellen, welche mein bisheriges Leben bestimmt hat. Erst heute Abend, beim Verfassen dieses Textes, sollte ich vom Satz des Elie Wiesel lesen, der in bezug auf den Altan gemeint hatte:

Der Balkon ist nichts. Er ist ein Symbol, mehr nicht. Die Veränderung, die Läuterung kann nicht vom Balkon kommen. Sie muß von unten kommen.
(Programmheft The Voices. HGÖ, 2018)

Und damit  hat dieser Satz meinem unbewußten Verhalten von heute Mittag ein ein wenig Rechtfertigung vergönnt. Denn dort, wo ich hinblicke, sind 1938 auch manche meiner Verwandten (der Eltern- und Großelterngeneration) gestanden: in böser Absicht, naiver Verwirrung, brüllender Ekstase, bloßer Neugier. Ihnen und auch uns und all den Motiven gilt es zu gedenken. Was hätten wir wohl damals getan und was tun wir heute, wenn von der Vernichtung der Juden und von der Beschneidung demokratischer Grundrechte die Rede ist?

Pünktlich um 12.30 beginnen die Töne für 10 Minuten über den Platz zu schallen, in einer unaufdringlichen aber unüberhörbaren Prägnanz, hell, unaufdringlich, fast überirdisch sich gegenüber dem Touristenrummel und Straßenlärm behauptend. Sie verbinden den Balkon, die Kriegshelden auf ihren Pferden, die Fahnen der OESCE, das Weltmuseum und die beiden provisorischen Gebäude des Parlaments, selbst Teile des Demokratiequartiers. Und tatsächlich: die Töne verbinden das Symbol der entmenschten Politik („dem Balkon“)  mit jenem der Demokratie Österreichs („das Parlament“). Nichts besseres hätte dem Gebäude und seinen VolksvertreterInnen passieren können, als auf den „Helden“ Platz zu rücken, als ewige Warnung vor dem, was sich derzeit in Europa und in Österreich abzuzeichnen beginnt: der populistischen Erosion der Demokratie.  An dieser Demokratie ist zu arbeiten, gerade auch angesichts des Aufflackerns des Nationalsozialismus unter der derzeitigen Regierung. Und auch wenn die von Susanne Philipsz gefundenen Töne so zivilisiert leise sind und von anmutiger Reinheit, so sind sie hoffentlich tausendmal stärker als das gegenwärtige Gebrüll aus der rechtsradikalen Gosse. Handeln wir dementsprechend.

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Provisorisches Parlamentsgebäude am „Helden“ Platz. Copyright: Krakatoa

Manchmal schließe ich auch die Augen und sinne den Tönen nach, die für mich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden. Ich gerate in den Sog der Erinnerungen meiner Eltern und Großeltern und an das, was sie an mich freiwillig und unfreiwillig weitergegeben haben. Nichts wird vergessen und niemals kann Schluß sein, von den Verbrechen des Nationalsozialismus zu sprechen. So, und nur so kann ich Österreicher sein: ein Angehöriger eines Landes, in dem die Menschen sich frei bewegen, frei sprechen und frei ihre Zukunft planen dürfen – aber im Gedenken an die Verbrechen des Holocaust. Mögen die demokratischen Institutionen unseres Landes zeigen, welche Sicherheit sie auch in Zukunft gewähren und welches demokratische Potential in ihnen schlummert.

Neben mir sitzt eine Dame. die den Sonnenschein an diesem Tag genießt: und die wie ich, nach 10 Minuten Zuhörens und Gedenkens den Platz wieder verläßt. Manche Touristen arbeiten an ihren Selfies, eine Gruppe von PolizistInnen unterhält sich lachend. Sie haben offenbar nichts gehört. Man sieht aber auch, daß einige Menschen mit mir auf dem Platz sind, die sich in dieser Klanginstallation verloren haben: im Gedenken an die Opfer des Holocaust und der Mitschuld Österreichs an ihm.

Zum Abschluß ein Zitat von Susan Philipsz, die in einem Gespräch mit Eva Meran folgendes zu ihrer Klanginstallation gesagt hat:

Da der Platz so imposant und die Rede sowie die darauffolgenden Ereignisse von 1938 so beängstigend sind, wusste ich, dass ich sehr subtil sein muss in meinem Ansatz. Ich denke, dass Klang ein Bewusstsein für Räume erzeugen und zugleich verschiedenste Erinnerungen an die Oberfläche bringen kann. Die Balance besteht darin, subtil aber präzise zu sein und eine Situation zu erzeugen, in der sich persönliche Erinnerungen mit einem weiteren Kontext verbinden können. Klang kann auch gefühlsgeladen sein.
(Programmheft The Voices. HGÖ, 2018).

Das ist der Künstlerin ausgezeichnet gelungen. Danke für die intensiven Minuten auf meinem „Helden“ Platz.

 

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