Kultur

Eine Frau Off the Grid

In einem Zeitungsartikel der NYT habe ich vor einem halben Jahr den Hinweis auf WILD  gefunden. Der Autor des Artikels hatte es in einen inhaltlichen Zusammenhang mit anderen Filmneuerscheinungen gebracht, die das Thema der Einsamkeit zum Inhalt hatten. Dabei wurde mir bewußt, dass viele dieser „Einsamkeiten“ auch mit der Konfrontation mit der Wildnis zu tun hatten.

Der Film stand wie bei anderen KritikerInnen am Beginn der Auseinandersetzung und waren für mich der unmittelbare Anlaß das Buch zu lesen. Wie auch andere hatte mich der Film bei Weitem nicht so beeindruckt wie das Buch und das lag wohl nicht daran, dass der Film versagt hatte, eine Geschichte gut zu erzählen. Allein, die Filmsprache vermag andere Dinge als die Literatur abzubilden. Ihr mangelt es wohl auch daran, eine Geschichte Schritt für Schritt sorgfältig entfalten zu können, auf wichtige Kleinigkeiten Wert zu legen und in die Tiefe zu gehen. So hat mich der Film nicht sehr berührt. Was der Film allerdings geschafft hat, war, mich auf das Buch aufmerksam zu machen. Den letzten Anstoß zur Lektüre hat mir allerdings die Rezension von MBuchling gegeben, die einen fairen Vergleich zwischen den beiden Medien angestellt und die Lektüre des Romans wärmstens empfohlen hatte.

Vielleicht noch eine weitere Vorbemerkung, bevor ich zur eigentlichen Rezension komme. Ich habe das Buch während zweier Reisen gelesen, einmal im Zug nach Prag und wenig später auf einer langen Reise nach und in Russland. Ich fand, dass dies dem Buch wohl angemessener war, als es zu Hause am bequemen Sofa zu genießen. Welch wunderbarer Reisebegleiter!

Doch nun zum Buch. Die Ausgangssituation des Romans ist schnell erzählt. Eine junge Frau, die sich durch das Zerbrechen ihrer Familie einer schwierigen existentiellen Situation ausgesetzt sieht, entschließt sich zu einem mehrmonatigen Hike Through des Pacific Crest Trails (PCT), welcher über Tausende Kilometer von der Grenze Mexikos bis an die kanadische Grenze reicht. Nein, winken Sie bitte nicht ab! Es handelt sich dabei nicht um die in letzter Zeit so en vogue gewordenen Wandererinnerungen von mäßig begabten SchriftstellerInnen, welche in den Regalen vieler Buchhandlungen auf uns warten. Jener Literaturtypus, die mit der Hoffnung auf spirituelle Läuterung auf Pfaden wie dem Jakobsweg spekulieren, ist leider literarisch sehr oft dupliziert worden und hat die bestehenden Wege zu einem rein touristischen Erlebnis verkommen lassen.

Das Buch ist auch kein Epigone des sehr erfolgreichen und ebenfalls verfilmten Buches von Jon Krakauer namens „Into the Wild“, welches die Geschichte vom Sterben eines naiven Aussteigers in Alaska erzählt. Und schon gar nicht ist das vorliegende Buch eines jener schriftstellerischen Bemühungen von Extremsportlern, die sich mit dem Verkauf von Büchern und anderen Souvenirs den vergangenen oder nächsten sportlichen Kick finanzieren wollen.

Die Heldin des Buches ist eine Heldin wie sie wohl in uns allen stecken mag, wenn wir nur den Mut hätten, dies zuzulassen. Sie ist eine Mittzwanzigerin, die sich in einer finanziell angespannten Sizuation entschließt, den PCT zu durchwandern, auf der Suche nach dem Abstand von ihrer Vergangenheit, mit dem Bedürfnis, sich inmitten ihrer persönlichen Irrungen und Verwerfungen selbst zu finden. Es ist weniger die heute so oft bemühte „Auszeit“ einer Karriere, die sie sich selbst verordnet als vielmehr ein existentieller Neuanfang, von dem sie weder am Beginn noch am Ende ihrer strapazöse Reise exakt weiß, wie er aussehen wird. All die Schicksalsschäge, auf die dieses Buch anspielt, hätten wohl auch uns passieren können: der Tod eines Elternteils, die darauf einsetzende Auflösung der Familienbande, materielle Armut, Scheidung, Drogen, bedeutungslose Affäeren. Doch hätten wir radikal neu beginnen wollen?

Es ist die Schwäche des Films, daß er sich zwar eng an den Roman hält, aber diese Schicksalsschläge dramatisch verdichten muß, um sie neben der dramatischen Naturkulisse wirksam zu machen. Im Roman tauchen diese Stationen des Lebens fast lapidar im Rhythmus des Gehens auf, angesichts der alltäglichen Sorgen und Misserfolge am Trail. Wie immer befällt uns das Schicksal im alltäglichen Gewand, zeigt sich als ein banaler Geselle, unscheinbar und unerbittlich zugleich. Der Trail und das Gehen ermöglicht uns nicht nur, Verdrängtes wieder ins Bewußtsein zu rufen,  sondern auch, es genauer anzusehen und mit ihm zu leben.

Uns an diesem Weg teilhaben zu lassen, das ist der Autorin ausgezeichnet gelungen. Behutsam und ohne große Emphase erzählt sie ruhig von den Veränderungen einer Frau auf einem langen schmerzhaften Weg zu sich selbst, in einer niemals zu einem Klischee entstellten Wildnis. Jeder, der jemals selbst einen Fernwanderweg über längere Zeit erlitten hat, weiß, daß die Autorin das miterlebt hat, wovon sie spricht.

Andrerseits ist das Buch auch kein platter Erfahrungsbericht, der sich in Details verläuft und zum larmoyanten Trailführer verkommt. Dass Gehen zur Medidation verführen kann, ist bekannt. Die repetitiven Bewegungen lassen die eigenen Geanken, Assoziationen und Empfindungen „fließen“. Und doch: auch der psychologistischen Verführung unterliegt die Autorin nicht. Ihr gelingt es, Selbsterfahrung, Naturerlebnis und körperliche Tortur zu einem wunderbaren Stück Unterhaltungsliteratur zu gestalten, das mich tief berührt hat. Nie peinlich, immer elegant und ohne jede Besserwisserei schafft sie es, in der tapferen Frau auf dem Trail das Wesentliche eines Lebens abzubilden.

Und wie so oft im Leben steht am Ende eine Normalität, die weder ein Heilsversprechen noch eine dramtische Erkenntnis darstellt, und doch alles von Grund auf verändert hat. Die Geschichte endet so unspektakulär sie begonnen hat:

„Dass das mein Leben war – wie jedes Leben rätselhaft, unabänderlich und heilig. So nah, so präsent, so fest zu mir gehörig. Und es, wie wild es auch sein mochte, so zu lassen.“

Ich empfehle diese Buch all jenen, die sich gerne auf schwierige Wege ins Ungewisse einlassen und dabei wissen, dass sie wahrlich keine HeldInnen sind.

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