Remembrance

Krieg, Schuld und Amnäsie

Ari Folman: Waltz with Bashir.

Zwischen dem 16. und 18. September 1982 wird während des Bürgerkrieges im Libanon das von israelischen Truppen umzingelte palästinensische Flüchtlingslager Sabra und Schatila von christlichen Falangisten gestürmt. In einem Massaker werden tausende Zivilisten vorsätzlich ermordet. Dieser Massenmord wurde als Rache für die Ermordung von Präsident Bachir Gemayel begangen und geschah mit Wissen und unter den Augen der israelischen Armee. Das Massaker von Sabra und Schatila stellt damit ein weiteres Fanal für die grausame Vernichtung palästinensischer Zivilbevölkerung dar und ist bis heute im kollektiven Bewußtsein der Palästinenser und der Welt wach geblieben.

Um diese Ereignisse kreist der animierte Dokumentarfilm von Ari Folman, der selbst in den 80er Jahren als israelischer Soldat im Libanon stationiert war und der in diesem Film ein Stück seiner Erinnerungen bearbeitet. Sein radikal subjektiver Ansatz kreist dabei nicht so sehr um eine umfassende Aufarbeitung der Hintergründe und Geschehnisse dieser Katastrophe und auch gar nicht um wie immer geartete Schuldzuweisungen. Er beschreibt vielmehr den mühsamen Erinnerungsprozeß von im Krieg traumatisierten Soldaten. Dabei berührt er nicht nur die quasi ontologischen Fragen von Zerstörung, Tod, Angst und Verdrängung, sondern es wird immer wieder auf die für Israel traumatischen Zusammenhänge mit der Shoa angespielt. Bashid Gemayel als katholischer „Führer“, das „Lager“ als Ort von systematischem Mord und das tatenlose Zusehen der „Außenwelt“ – all dies sind Parallelen, die sich beim Erzählen aufdrängen und wahrscheinlich mit ein Grund für die katastrophale „Verdrängungspolitik“ von Gesellschaft und Individuum darstellen.

Ausgelöst durch das Gespräch mit einem Freund, beginnt sich die zentrale Figur des Films wieder an Fragmente seiner Beteiligung an dem Massaker von Sabra und Schatila zu erinnern und unternimmt, unterstützt von einem befreundeten Psychoanalytiker, eine Reise zu den Wahrheiten anderer Kriegsbeteiligter aber auch zu seiner eigenen, die er seit Jahren verdrängt hat. Er macht sich auf, seine ehemaligen Kriegskameraden zu interviewen, um mehr über sich selbst zu erfahren und begegnet auch dort wie bei sich Verdrängung, Leugnung und Vergessen. Doch einmal den Weg eingeschlagen, läßt sich die schmerzhafte Wahrheit der vergessenen Tage nicht mehr verbergen und seine Mitschuld an den Ereignissen in den Flüchtlingslagern wird schmerzlich offenbar.

Der Zuschauer begibt sich auf eine somnambule Reise, die durch die expressiven Zeichnungen, flirrenden Farben und eindrucksvolle Musik eindrucksvoll unterstützt wird. Schon am Beginn des Filmes weist eine durch die Stadt hetzende Meute von aggressiven Hunden symbolisch auf die Verfolgung durch die eigene Kriegsschuld hin. Auch die Schlüsselszene, mit der sich der Antiheld des Filmes in die Ereignisse jener Tage zurückbegibt, ist in ihrem Grauen beeindruckend. Irgendwann im Laufe der Handlung passiert es dann, dass man als BeobachterIn das für einen Kriegsfilm doch recht ungewöhnliche Trickfilmambiente vergißt und sich in das Erinnerungspuzzle des verzweifelten Helden verstrickt.

Die Distanz, welche der Trickfilm zu dem vermeintlichen Realismus anderer Kriegsfilme hält, spielt eine wichtige Rolle für die Identifikation mit den Befindlichkeiten, den Gefühlen und der Verdrängungsarbeit der dargestellten Soldaten. Der Ton ist unaufgeregt, nüchtern und fast ein wenig deprimierend. Dass das Auge und die Aufmerkssamkeit des Zuschauers nicht von emotionalisierten oder hyperrealen Kriegsszenen überschwemmt wird, ermöglicht es ihm überhaupt erst Verständnis und Empathie zu entwickeln und „zuzuhören“. Was ist denn geschehen, warum muss das Geschehen denn so rigoros verdrängt werden? Und dennoch ist weniger die eigentliche konkrete Schuld als vielmehr die latente Mitschuld der Auslöser der Amnäsie.

Der Film endet in der (immer nur vorläufigen) Erkenntnis, am Massaker in Sabra und Schatila mitbeteiligt gewesen zu sein. Die den Morden entkommenen Personen werden von einem Jungen angeführt, der durch seine Haltung an jenen erinnert, der auf einem Foto über die sich ergebenen Juden das Warschauer Ghettos weithin bekannt geworden ist: erhobene Hände, Entbehrung und Schrecken im Gesicht, verlorene Jugend.

Und während die in das Lager einrückenden israelischen Soldaten mit den Morden der vergangenen Tage konfrontiert werden und diese die schrecklichen Szenen zwar verdrängen aber nie ungeschehen machen können, wandelt sich auch der Trickfilm in eine Schnittfolge mit dokumentarischem Filmmaterial. Er zeigt den Schmerz und Verzweiflung der hinterbliebenen Angehörigen. Man möchte selbst kaum glauben, dass solche Dinge im Leben von Menschen geschehen können. Der Schrecken ist real, wenngleich man den Eindruck hatte einem Albtraum gefolgt zu sein.


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