Kultur

Vom Leben im Fegefeuer

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken.
Übersetzung aus dem Hebräischen von Ruth Achlama.
Verlag kein&aber, 2015.

Schlafende Löwen soll man nicht wecken, aber unter der Oberfläche unseres durch Routinen und allerhand Sicherheitsvorkehrungen geregelten Lebens schlummert das Andere, das Unberechenbare, die Gefährung. Und wer die Löwen einmal geweckt hat, der bleibt wohl unbarmherzig allein auf sich selbst gestellt.

Das neue Buch der islaelischen Autorin Ayelet Gundar-Goschen ist ein solches Buch über die Gefährungen unserer Lebensroutinen, gezeigt anhand der Leben des Neurochirurgen Eitan, seiner Frau Liat und der aus Eritrea geflüchteten Sirkit. Um aus der Routine seines anstrengenden Arbeitsalltags auszubrechen, beschließt der Neurochirurg Eitan nächtens eine Spritztour durch die Wüste zu machen, tötet dabei einen am Wegrand stehenden Flüchtling und entschließt sich zur Fahrerflucht. Schon am nächsten Morgen taucht die Ehefrau des Getöteten auf und erpresst den Arzt, der ab nun in seiner Freizeit in der Abgeschiedenheit einer einsamen Werkstatt die Flüchtlingscommunity ärztlich versorgen muss. Sirkit, der gesellschaftliche Underdog wird zur beherrschenden und Eitan kontrollierenden Leiterin des improvisierten Spitals, auf das sich ab nun die Lebensenergie des Arztes konzentriert. Eitan wird Geisel seines eigenen Verbrechens und im Laufe seiner „Gefangenschaft“ verweben sich in einer Art „Stockholm – Syndrom“ das Denken und Fühlen von Eitan und Sirkit immer mehr. Andere Personen sterben und die Ehefrau des Arztes, eine im Fall der Fahrerflucht ermittelnde Polizistin, beginnt misstrauisch zu werden. Hinter jedem Kapitel lauert eine neue Überraschung. Wie sehr wünschen wir uns während des Lesens, die Situation möge endlich eskalieren, um die psychologische Spannung von uns zu nehmen: allein, das Leben ist banal und tendiert zur Entropie.

Vieles hätte aus der Grundidee dieses Buches werden können: eine Yuppie-Befindlichkeitsstudie, ein Kriminalroman, ein Flüchtlingsdrama, eine Liebesgeschichte – und gottseidank ist der Roman keines davon. Bis auf die letzten Zeilen entzieht sich der Roman der Erwartungshaltung seiner LeserInnen, langweilt nie, sondern überrascht mit unerwarteten Rückblenden und Wendungen der Handlung, ohne dabei im geringsten konstruiert zu wirken. Auch wer eine fein säuberlich in Gut und Böse bzw. in Täter und Opfer geteilte Welt erwartet, wird enttäuscht werden. Was die Autorin (deren zweiter Beruf übrigens Psychologin ist) interessiert, ist die psychologische Entwicklung der Handlung, der Blick hinter die Fassaden unserer Leben, die sehr mitfühlende aber dabei unbarmherzige Aufdeckung dessen, was die Wahrheit der handelnden Personen sein könnte. Und sie erzählt brilliant, auf hohem Sprachniveau, ist dabei aber nie abgehoben.

So endet dieser Roman mit einer Art „Moral von der Geschicht“: „Wie schön ist die Erdkugel auf ihrer richtigen Bahn. Wie angenehm, sich auf ihr zu drehen. Zu vergessen, dass es einmal eine andere Bahn gegeben hat. Dass eine andere Bahn im Bereich des Möglichen liegt.“

Das Buch wurde auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse im Rahmen des Schwerpunktes „50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen“ vorgestellt. Nichts Besseres kann den Beziehungen zwischen zwei Ländern passieren, als Erzählungen und Haltungen, die nicht vordergründig auf „Völkerfreundschaft“ pochen, sondern darauf insistieren, dass unser Leben hie und da und anderswo zwar sehr unterschiedlich ist, aber im Grunde nach denselben menschlichen Prinzipien verläuft. Das ist der Autorin mit ihrem zweiten Buch hervorragend gelungen, indem sie uns vor Augen führt, welches (durchwegs auch erschreckendes) Potential sich in uns verbirgt und nicht zuletzt, indem sie der deklassierten Zuwanderin ihre Würde wieder gibt: im Guten wie im Bösen. Von der deutschen Kritik wurde das Buch sehr positiv aufgenommen und die Rezensionen sind erfreulich zahlreich. Ein Verkaufserfolg wäre der Autorin und dem engagierten schweizer Indie – Verlag kein&aber sehr zu wünschen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s