Kultur

Literatur Exil: In der Sprache wohnen….

Zum 21. Mal wurden 2017 die Preise des Literaturwettbewerbs „Schreiben zwischen den Kulturen“ vergeben, mit denen junge AutorInnen ausgezeichnet werden, die in Deutsch schreiben. Ihre Erstsprache ist nicht Deutsch. Immerhin: die heute weithin bekannten AutorInnen Julya Rabinowich und Dimitrè Dinev  gehörten einst auch auch zu den PreisträgerInnen dieser Initiative. Interessantes gibt es aber nicht nur von der in diesem Band versammelten Literatur, sondern auch von dem Vorwort von Jessica Baer zu berichten.

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Copyright: Krakatoa

Mit „Erschreckende Parallelitäten“ titelt sie das Vorwort und weist auf das Paradox hin, daß sich einerseits die deutschsprachige Literatur von AutorInnen mit Migrationshintergrund ihren Platz erkämpft hat, andererseits ebendiese Gesellschaft, die sich am „fremden“ Erzählen erfreut, zunehmend bereit ist, auch die rassistische Parolen von Volk und Politik zu akzeptieren. Diesen Widerspruc habe Literatur und andere Kunstsparten gemeinsam. Als Erklärungsmuster interpretiert sie: Entweder zwei, sich getrennt voneinander entwickelnde Öffentlichkeiten (Mainstream und kritische Gegenöffentlichkeit) oder ein exotistischer Bedarf an Abwechsung und Spektakulärem. Bei der Arbeit der Edition Exil ginge es deshalb nicht nur um „Neuentdeckungen“, sondern auch um den Kontext, in der diese Produktionen entstanden seien, es gehe

um Texte, die sich bemühem, ihre Wahrheit über die widersprüchlichen, rauen, holprigen Realitäten der Migrationsgesellschaft zu sagen.

Doch kommen wir zur Literatur selbst. Die Preistexte versammeln AutorInnen unterschiedlicher Herkunft und Geburtsjahrgänge: Helena Srubar, Gabriel Furmucachi, Zdenka Becker, Ioanna Michalcuk, Irene Diwiak, Amirabbas Gudarzi, Julian Shi-an Maximilian Ho und SchülerInnen der HTL Braunau. Neben den Kurztexten der AutorInnen haben die Herausgeberinnen auch Interviews mit den AutorInnen eingestellt, welche der Kontextualisierung des Schaffens dienen und die sowohl ihre Biographie als auch ihr literarisches Schaffen ansprechen. Diese Methode bewährt sich, da die Leserin die Qualität des literarischen Schaffens erst mit diesen Informationen vollständig einzuschätzen weiß. Abgedruckt sind auch die Begründungen der Jurymitglieder zur Preisvergabe. Jessica Beer, Klaus Nüchtern,  Sina Tahayori und Bernhard Studlar haben sorgfältige und wertschätzende Texte geschrieben. Und so finden wir uns wieder in der Kontextualisierung der Texte, die Jessica Bär angesprochen hat.

Insgesamt hat mich der Text von Amirabbas Gudarzi am meisten beeindruckt. Der Auszug aus seinem Bühnenstück „Zwischen uns und denen liegt ….“ spielt mit den Erwartungen der Leser, widersetzt sich ethnischen wie politischen Kategorisierungen und verschont keinen, auch nicht die selbsternannten HelferInnen und sgn. „Gutmenschen“. Der Erzähler/die Erzählerin ist zornig und seine/ihre Geschichten sind verstörend, disparat und jenseits der derzeit in der Öffentlichkeit verhandelten Klischees.

ERZÄHLER/IN: Ich erzähle euch Geschichten, bis ihr sie nicht mehr hören könnt. Bis ihr kotzt und erstickt vom Geschichtenzuhören, und dann werdet ihr vielleicht verstehen, wen oder was ich verkörpere.

Ich danke, daß ist das einzige Mittel, das noch bleibt: daß die Menschen ob der gehörten Geschichten erbrechen, weil sie einfach nicht verdaubar sind. Begönnen sie nur endlich mit dem Zuhören!

Deshalb rate ich zum Kauf des Buches. Dessen Lektüre hilft möglicherweise mit, die, über die wir immer nur flach reden, auch tatsächlich besser kennen zu lernen. Und selbstverständlich, wie Literatur es auch immer wieder zustande bringt, uns selbst.


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