Remembrance · Todesfälle

Elisabeth Kmölniger (1947 – 2018)

Manche Menschen des öffentlichen Lebens sterben einfach so: kaum beachtet von Google, den Medien, der Öffentlichkeit. Ihr Tod macht klar, wie bedingungslos Sterben ist. Denn jeder Ruhm ist Schimäre, so ist es immer schon gewesen. Gerade deshalb sollten wir diesen „gewöhnlich“ Sterbenden  gedenken. Elisabeth Kmölniger („Kmö“) schied am 24. Jänner 2018 im siebzigsten Lebensjahr aus dem Leben.

Elisabeth-Kmölninger+Das-brausende-Leben
Umschlag des 1988 erschienen Buches „Das brausende Leben“

Elisabeth Kmölninger war eine Zeichnerin und Fotografin, die mich in meiner politischen Sozialisation in den 70er und 80er Jahren regelmäßig begleitet hat. Sie illustrierte ab 1978  die von Günter Nenning bzw. Rainer Oberschlick herausgebrachte Zeitschrift FORVM. Ihre Zeichnungen haben mich damals durch ihre kompromißlose Unbotmäßigkeit, aber auch durch ihren düsteren bis schrillen Ton sehr beeindruckt. Nicht, daß sie mir „gefallen“ hätten, aber das war schließlich nicht die Aufgabe, die sich Zeichnerin und Zeitschrift zu stellen hatten. Ihre Zeichnungen waren für mich der Stachel im Gesäß eines müden Wien, aber auch, auf einer mehr privaten Ebene, die schockierende Mahnung, daß Kritik am Bestehenden nicht von beschwingtem Lebensgefühl begleitet werden konnte. Kmös Zeichnungen waren unbequem, für mich, viele meiner Zeitgenossen und das konservative Wien auf jeden Fall. Der Kapitalismus und das von ihm abhängige politische Gefüge hatten ihre destruktiven Seiten: hohnlachend illustrierte „Kmö“ dieses in ihren krassen Zeichnungen. Sie thematisierte Fragen des Feminismus, kritisierte die Verlogenheit der katholische Kirche, engagierte sich im Kampf gegen das AKW Zwentendorf.  Damit war sie im FORVM in bester Gesellschaft mit ProtagonistInnen des kritischen Österreich: Erich Fried, Robert Menasse, Heidi Pataki, Peter Turrini, Erwin Ringel u.v.a.m.

Elisabeth Kmölniger hatte schon 1980 Wien verlassen, um sich in Berlin niederzulassen. Ihre Zeichnungen erschienen weiterhin im FORVM, aber vermehrt in deutschen Medien. In deutschen Verlagen erscheinen auch alle ihre Bücher (Elefantenpress: Für den Ernstfall, 1981; Comix und Cartoonreihe: Alles wird gut, Eichborn, 1982; Rixdorfer Verlagsgesellchaft: Schnell im Biss, 1984;  Zweitausendund eins: Zeichnungen, 1987; Eichborn Verlag: Das brausende Leben, 1988; Elefantenpress: Schräge Schwestern, 1993). Dann etabliert sie sich als Fotografin und  fotografierte für die Sozialreportagen ihrer Lebensgefährtin Gabriele Göttle.  Sie  arbeitete bei verschiedenen deutschen Zeitungen, darunter die TAZ.

1995 wurde das FORVM eingestellt, mein Abonement erlosch. Die FORVM-Exemplare wurden in langsam vor sich hinstaubenden IKEA-Ordnern abgelegt, damit auch die Zeichnungen von Kmö. Ein neuer Lebensabschnitt begann, die Studentenzeiten waren vorüber. Die Zeichnungen von Kmö fielen aus meiner Welt und verschwanden in den Archiven meines Vergessens. Kmölnigers Deutschland war weit weg von meiner Lebenswirklichkeit. Als ich die Sammlung meiner „FORVM-Magazine“ veräußerte, waren ab nun auch die Belege ihres Schaffens meinem Zugriff entzogen. Das publizistische Wien nahm Kmö ab der zweiten Hälfte der 90er Jahre kaum mehr zur Kenntnis. Deutschland wurde endgültig zum Lebensmittelpunkt Elisabeth Kmölnigers.

Als ich per Zufall in Wikipedia über ihren Tod lese, weiß ich zunächst nichts mit ihrem vollen Namen anzufangen, erst bei „Kmö“ klingelt es und die Erinnerungssplitter fügen sich Stück für Stück zusammen. Dann beginnt meine intensive Google – Recherche, die, wie schon oben erwähnt, mir nur wenig einbringt: Ein paar Verlagshinweise und Links zu deutschen Zeitungen, die ihr Leben würdigen, darunter der Berliner Tagespiegel mit dem ausführlichsten und sorgfältigsten Nekrolog. In der FAZ ist eine offizielle Todesanzeige erschienen, die allerdings schon wieder entfernt wurde. Ich versuche ihrer Zeichnungen habhaft zu werden, finde allerdings nur wenige Illustrationen, die hauptsächlich auf den Buchtiteln ihrer Veröffentlichungen zu finden sind. Sie genügen allerdings, um mich in einen eigenartigen intellektuell-emotionalem Erinnerungszustand zu versetzen. Auf einmal möchte ich mehr, viel mehr von ihr wissen, geradezu als müßte ich mich für ihre „Vernachlässigung“ entschuldigen.

Jetzt, nach ihrem Ableben sollte ich noch einmal eine Koinzidenz zwischen unser beider Leben feststellen. Kmö hat im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Atomkraftfreie Zukunft Illustrationen zur Atomkatastrophe von Fukushima angefertigt. Die Publikation heißt „Die endlose Katastrophe. Das Fukushima-Desaster im Überblick.“ und ist im Internet verfügbar. Kmö hat sich hier einem Thema angenommen, das an der Rand der Medienberichterstattung gerückt ist. Wer will sich schon täglich mit dem Schrecklichen in unserer Welt konfrontieren, auch wenn man es müßte. Seit der Katastrophe kämpfe auch ich gegen das Vergessen von Fukushima an. Einzig beim Kauf von Meeresprodukten, die aus Japan stammen, blitzt das Alarmlicht auf. Ich werde angstlich und bin sehr vorsichtig. Manchmal aber schwemmt der Newsfeed Nachrichten über die nicht bewältigte und wahrscheinlich nicht bewältigbare Katastrophe an den Strand: etwa einen Artikel des Guardian, in dem beschrieben wird, wie unverantwortlich die Regierung mit den vor Fukushima Geflüchteten umgeht oder die Nachricht über immer noch bestehende Lecks an den Kraftwerksbauten, aus denen hochgiftige Strahlung entweicht. Der Haß auf die Ignoranz und Verantwortungslosigkeit der Mächtigen ist wahrscheinlich das, was uns verbindet.

Elisabeth Kmölniger hat sich am 24. Jänner 2018 am Wiener Zentralfriedhof das Leben genommen. Das ist, so denke ein wenig bitter, ein wahrhaft würdiger Ort für die Inszenierung des Suizids einer Wienerin – wenn das Leiden an der Welt übermächtig geworden ist. Ich danke ihr für ein Stück unverzichtbarer aber auch schmerzhafter Lebensgeschichte!

3 Kommentare zu „Elisabeth Kmölniger (1947 – 2018)

  1. Danke für den schönen NAchruf.
    Wenn Sie an der Berdigung teilenhemn möchten, sie ist am 19,2.2018 in der Feierhalle an Tor 3, 8:10Uhr. Würde uns freuen.

    Gefällt mir

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