Kultur

Über das Lernen von Anderen

Johanna Marie Jakob: Taterndorf. Historischer Roman.
EIGENVERLAG, 2014.
ISBN 9781499779851, Broschiert.

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Vincent van Gogh: Zigeuner.

Manchmal begegnet uns in unserer Umgebung ein altes Gebäude, das unsere Neugier erweckt. Es kann auch sein, daß wir Orte auf alten Fotos entdecken, von denen wir gerne mehr wissen möchten. Wir beginnen nachzuforschen, entdecken Spuren von Begebenheiten, die uns neugierig machen. Wenn diese Begebenheiten ein oder mehrere Jahrhunderte zurückliegen und nicht unbedingt zur „Großen“ Geschichte gehören, dann stoßen wir auch auf weiße Flecken, von denen wir aber wissen, daß wir sie wahrscheinlich nie mehr restlos füllen können. Das mag für den Hobbyhistoriker enttäuschend sein, ein Romanautor beginnt hier erst seine Arbeit. Er erzählt sich durch das Unbekannte „hindurch“ und erfüllt historischen Räume mit Leben. Weisse Flecken nutzt er/sie für die Entfaltung der Handlung und die Charakterisierung der Romanfiguren. Der Erzähler tut dann so, als hätte  er selbst in diesen Zeiten gelebt und könne uns mit seiner Erfahrung an den damaligen Lebensumstände teilhaben lassen. Authentizität ist wichtig, es bedarf einer gründlichen Recherche, aber auch eines sehr sensiblen Sprachgefühls, um die Illusion des Zeitsprungs beim Leser aufzubauen und am Leben zu erhalten.

Dieser Balanceakt zwischen vermuteter Realität und Phantasie ist der Autorin mit Taterndorf ohne Zweifel hervorragend gelungen. Sie erzählt die Geschichte des ihr persönlich gut bekannten Ortes Friedrichslohra um 1830, welcher durch die Konflikte zwischen Katholizismus und Protestantismus, vor allem aber zwischen der seßhaften Bevölkerung und einer Gruppe von halbnomadischen Sinti geprägt ist, die dort missioniert werden sollen. Auf kirchliche Initiative erhält ein Missionarsehepaar erhält den Auftrag, die „Zigeuner“ seßhaft zu machen, ihre Kinder zu beschulen und für ihre Eingliederung in den Arbeitsprozeß zu sorgen. Im Zentrum der Handlung steht Magdalena Blankenburg, die Ehefrau des Missionars, die mit ihrem Engagement, ihrem Verständnis und ihrem Einfühlungsvermögen den Kindern der Sinti eine Mentorin sein will und ihre Sprache lernt. Die Begegnung mit ihnen verändert sie und ermöglicht ihr dadurch, sich immer mehr psychologischen Spielraum für Verstehen und Einfühlungsvermögen von Kindern und Eltern zu schaffen. Sie stellt sich dadurch immer mehr gegen ihren Ehemann, der durch die Arbeit mit den Sinti zu einem Hardliner wird und ihre Missionierung, das heißt Anpassung mit fast allen Mitteln (bis hin zur Kindesentführung) vorantreibt.

Hautnah erleben wir die Fortschritte und Rückschritte in diesem Unterfangen und von dessen Ende her betrachtet, das Scheitern der „Sittigung der Zigeuner“. Erzählt wird nicht nur vom Versuch einer (auch gewaltsamen) Eingliederung der Sinti in das sgn. normale Leben der Bürger der Region, sondern auch von den Mühen, Irrtumern und Erfolgen einer Annäherung zwischen beiden Volksgruppen. Versetzt in den historischen Kontext des 19. Jahrhunderts werden aber auch die Themen des heute wieder aufflackernden Antiziganismus in Europa aufgegriffen. Damit ist dieses Buch brandaktuell.

Trotz seines Engagements für eine Annäherung der Volksgruppen bleibt uns aber die Keule einer moralischen Schulmeisterei erspart. Indem wir an den unterschiedlichen Motiven und Hintergründen der handelnden Personen teilhaben, können  wir unterschiedliche Befindlichkeiten begreifen, ohne sie dabei aber auch gleich billigen zu müssen. Ebenso gelingt es der Autorin der Falle zu entgehen, Unterschiede zwischen Menschen nur auf ihre ethnische Herkunft, nach dem Motto hier „Gadsche“, dort Sinti zu reduzieren. Es geht der Autorin auch um den Hinweis auf Unterschiede, die mit sozialer Herkunft, dem Glauben, dem Beruf oder der körperlichen Verfassung jedes Einzelnen einhergehen. Sie illustriert damit, das sich die Konflikte nicht allein auf das „Problem Zigeuner“ reduzieren lassen.

Das Buch doziert nicht, es offeriert uns ein spannendes Stück Erzählung aus Leben eines Missionarspaares im 19. Jahrhundert und der Auseinandersetzung mit den Sinti. Wir lernen Geschichte kennen: nicht die Geschichte jener, die diese gelenkt haben sondern die Geschichte jener, die sie erlitten haben. Dabei bleibt die Lektüre immer spannend, realistisch und in höchstem Maße human.


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