Kultur

Troll. – Zum Mythos Wildnis, Teil 7

Troll: Dämonisches Wesen der nordischen Mythologie, das männlich oder weiblich sein, die Gestalt eines Riesen oder eines Zwergs haben kann. (Duden)

Johanna Sinisalo: Troll. Eine Liebesgeschichte.
Tropen Verlag, Berlin 2005
ISBN 9783932170744, Gebunden, 264 Seiten.

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Alfred Smedberg: Niemals hatte der Junge Angst, 1912. Wikimedia Commons

Ein erfolgreicher Werbefotograf namens Angel rettet einen Troll (!) vor gewalttätigen Jugendlichen, verliebt sich in ihn, versteckt ihn in seiner Wohnung und muss letztendlich nach einem schrecklichen Vorfall mit ihm in den dichten Wald flüchten. Das ist die einfache und unwahrscheinliche Geschichte, welche die finnische Autorin Johanna Sinisalo auf vielschichtige Art mit vielen Kunstgriffen erzählt. Das Buch erschien 2005 und wurde rasch zum Bestseller.
Beim Durchsehen der Rezensionen zeigt sich recht rasch, wie unterschiedlich „Troll: Eine Liebesgeschichte“ rezipiert wurde. Während die einen das Buch als effekthascherisches Machwerk verurteilen, welches „ekelhaft postmodern“ sei, sehen andere darin einen Schwulenroman, der auf das Tier im Mann verweise und dritte vermuten gar sodomistisches Gedankengut. Sehr oft stürzen sich Rezensionen auch auf die im Buch beschriebenen Pheromone des Trolls, die all jene, welche ihm begegnen, auf intensive Weise sexuell erregen. Wir sehen: Bücher können auf verschiedene Weise gelesen und interpretiert werden. Das macht oft erst ihre Qualität aus.

Ich habe das Buch auf meine Weise gelesen und möchte dabei zwei Aspekte hervorheben: (1) den Aspekt der Liebesgeschichte(n) und (2) den Aspekt des Umgangs mit dem Wilden und der Wildnis.Man möge sich nicht vom Buchtitel ins Bockshorn jagen lassen, denn nicht EINE Liebesgeschichte wird beschrieben (= jene von Angel zu einem von ihm vor gewalttätigen Jugendlichen geretteten Troll), sondern VIELE Liebesgeschichten (= jene aller Romanfiguren zu Angel). Erzählt werden dabei die unterschiedlichen Abarten von Liebe und deren Scheitern: Abhängigkeit, Berechnung, Enttäuschung, unerfüllte Sehnsucht,  Anziehung, Sexualität, Verzweiflung und Sadismus. Alle diese Liebesverhältnisse, die die ProtagonistInnen des Romans zu Angel entwickeln, führen letztendlich zur Katastrophe am Ende des Romans. Angel ist panisch getrieben von den Ansprüchen all derer, die sich in ihn verliebt haben und die sein Geheimnis zu entdecken drohen. Letztendlich bleibt ihm nichts anderes übrig als vor ihnen zu flüchten: mit ihm das Wesen, das er liebt und das er vor ihnen und der Polizei schützen muss. Es ist nicht allein die sexuelle Erregung, die ihn so eng an den Troll bindet, sondern Erotik, Zärtlichkeit und vor allem die Überzeugung, dass er dieses Wesen vor den Anderen und der Zivilisation schützen muss.Doch auch hier ist es möglich, das Geschehen anders zu lesen, nämlich als Parabel über den Umgang des Menschen mit dem Wilden. Denn einerseits wird der Troll im Roman durch die Werbewirtschaft hemmungslos als Sinnbild des Wilden ausgebeutet. Die Konsumgesellschaft in ihrer Fadesse und Orientierungslosigkeit dürstet nach dem ultimativen Thrill, nach dem Ursprünglichen, dem Wilden, dem gefährlich Erscheinenden und Furchterregenden. Andrerseits hat die Menschheit im Laufe der Zivilisation verlernt, mit dem Wilden umzugehen und wird so unvermutet zu seinem  (un)wissenden Opfer und grausamen Täter. Drittens schlummert im Menschen das Wilde, das erst zusammen mit seiner Fähigkeit zur bewußten Entscheidung zur Grausamkeit wird, die andere Menschen wegsperrt, schlägt und tötet. Demgegenüber erscheint das Wilde im Tier als naiv und unschuldig, auch wenn es den Tod verursachen kann. Auch das erzählt dieses Buch, ohne allerdings ins weltanschaulich – philosophische abzugleiten

Der Troll selbst ist also in letzter Konsequenz nichts als ein Symbol für den letzten Rest an Wildnis, die wir in einem langen Zivilisationsprozess übrig gelassen haben und der wir mit zwiespältigen Gefühlen begegnen: mit Liebe, Angst und Hass. Ungewohnt ist der Umgang mit der Wildnis und dem Wilden in und um uns, weil wir gewohnt sind es ständig zu verdrängen. Klopft es einmal an unsere Tür, so führt es uns vielleicht an den Rand einer Katastrophe. Das Wilde verschlingt uns, ob im Guten oder Bösen.

Dass es Trolle als Tierwesen geben soll, ist selbstverständlich von der Autorin erfunden; dass sie uns in zahlreichen Texteinschüben aber derartig viele (auch konstruierte) wissenschaftliche Beweise für deren reale Existenz anbietet, ist ein perfides Spiel mit der Realität. Letztendlich neigen wir dazu, über deren mythologischen Befund hinaus an sie zu glauben. Liebe macht eben auch blind. Damit hat Johanna Sinisalo wieder etwas hergestellt, was wir mit Umberto Eco als „Hyperrealität“ bezeichnen können. Der Roman ruft vielleicht dadurch Dinge in uns hervor, die schon längst als „erledigt“ galten. Eine neue Realität entsteht, in der wir dem Anderen begegnen. Dafür gebührt der Autorin großes Lob.

Wen diese Zeilen neugierig gemacht haben, der bestelle schnell eines der wenigen Restexemplare, die es am Buchmarkt noch gibt. Es lohnt dann die Lektüre, wenn man sich selbst noch ein wenig Offenheit für das unerklärlich Fremde bewahrt hat.

 

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