Kultur · Natur

Katzenmenschen – Zum Mythos Wildnis, Teil 6

Schöne Menschen sind sie ja: vier Schauspieler am Beginn der 80er Jahre: Nastassja Kinski, Malcolm Mcdowell, John Heard und Annette O’Toole. Ihre schönen, muskulösen und manchmal nackten Körper gleiten durch die Nacht. Drei von Ihnen tun das Unsägliche: sie leben den umkehrbaren Wechsel von Mensch zu Tier. Das ist, will man der Fiktion Glauben schenken, verdrängte Realität einer prüden Gesellschaft.

Catpeople
Nastassja Kinski auf der Fahrt in ihre tierische Existenz. Clip aus dem Film Cat People.

Mit diesem Artikel setze ich eine Serie fort, die ich andernorts begonnen habe und in der ich mich mit den modernen Phantasmagorien über die „Wildnis“ auseinandersetze.

Der Beginn des Filmes macht den Eindruck, als wäre der Plot tatsächlich an den Haaren herbeigezogen. In einem in Rotfarben getauchten Intro, sehen wir ein Menschenopfer, welches in einer prähistorischen Vergangenheit den Bestien der Wüste dargebracht wird. Offenbar wird hier ein Mythos etabliert, dem sich die Protagonisten des Films im St. Louis der 80er Jahre nicht entziehen können: der Mythos von den Katzenmenschen. Dieser Mythos von der Transformation zwischen Mensch und Tier wird im Dritten Teil des Films explizit wieder aufgenommen, indem das Irrationale der Geschichte einem verwirrten Publikum aus dem Off näher gebracht wird:

Vor langer Zeit, opferten unsere Vorfahren ihre Kinder den Leoparden. Die Seele der Kinder wuchs in den Leoparden bis die Leoparden zu Menschen wurden. Wir waren Götter. Wir sind eine Inzuchtrasse. Wir können nur unter uns lieben. Sonst verändern wir uns. Und bevor wir wieder Menschen werden, müssen wir töten.

(Katzenmenschen, Stimme aus dem Off.)

Wäre da nicht die wunderbare Musik von David Bowie, ich hätte auf diese Passagen eines plump erklärenden Narrativs, das so etwas wie Scheinrationalität herzustellen versucht, gerne verzichtet. Sie sind ästhetisch verwirrend, holzschnittartig, formal unnötig. Vor allem entzaubern sie den eigentlichen Plot und schmiegen sich an die Erklärungsversuche des verunischerten und damals wohl noch immer schockierten wie erregten Publikums. Der dargestellte Mythos wird so viel banaler als der eigentliche Plot. Das nimmt dem Film die eigentliche Stärke und Wucht. Und es desavoiert das prähistorische Geschehen als primitiv, entmenscht und unverständlich. Menschenopfer aber sind das nie: sie haben eine tiefverwurzelte und gesellschaftlich rationale Erklärung, so schrecklich sie uns heute auch erscheinen mögen.

Dennoch: Es gibt auch hier eine bemerkenswerte Szene: den Todeskuß des Leoparden. Als die junge Frau als Opfer für die Bestie an einen Baum genbunden wird, ist sie ein williges, sich nicht wehrendes Opfer. Die Bestie findet die Frau, richtet sich an ihr elegant auf, legt der Todeskandidatin sanft die Tatzen auf die Schulter und macht sich an ihrem Hals zu schaffen. Der Gestus ist erotisch und voller sublimer Lust – so als ob es sich um einen sexuell motivierten Ritualmord handle, in vollem (menschlichen!) Bewußtsein begangen.

Wie in jedem guten Film macht es die Möglichkeiten der Interpretationen aus, vor dem das Werk Bestand haben muss. Interpretationen gab es über den Film Katzenmenschen in 35 Jahren seit seiner Premiere einige: Manche sprachen von einem gelungenen Horror Movie, „which creates a mood of doom, predestination, forbidden passion, and, to be sure, a certain silliness“, andere von einem nicht überzeugenden erotischen Thriller, Dritte wieder von einem Film voller Gewalt- und Inzestphantasien für ein erwachsenes Publikum, manche Kritiker reden von einem provokativen Follow-Up des B-Movies von Jacques Tournier aus dem Jahr 1942.

Ein Tabu jedoch blieb in der Kritik jedoch meist ausgespart: die Möglichkeit der Verwandlung zwischen Mensch und Tier und die empörende Akzeptanz dieses Wechsels durch Außenstehende. Daß das Wilde in uns gezähmt werden muß, in einer ständigen zivilisatorischen Anstrengung und wir ihm niemals erliegen dürfen – das lernen wir von Beginn an in unserem Leben mit allen Konsequenzen: diesen Prozeß nennen wir Zivilisation. Auch lernen wir vom Tier als etwas Minderwertigem zu denken, das ohne Gefühle, ohne Sebstgefühl und ohne eigentliche Daseinsberechtigung dem Menschen untertan zu sein hat: das nennen wir Religion. Der Mensch als Gott des Tieres hat nur durch religion und Zivilisation Bestand! Dagegen setzt der Film seine Bilder und seine Handlung.

In Katzenmenschen erleben erleben wir, wie sich Mensch und Tier emotional und sexuell vereinen. Damit berührt der Film eines der letzten Tabus einer entsublimierten Gesellschaft. Wie schreibt Judith Hindermann:

Sex mit einem Tier – ein Tatbestand, der bis Ende des 18. Jahrhunderts in fast allen europäischen Staaten mit dem Tode bestraft und weit ins 20. Jahrhundert durch mehrjährige Gefängnisstrafen geahndet wurde – gilt, obwohl in den meisten Ländern Europas inzwischen straffrei, als das letzte Tabu in Sachen Sexualität und bleibt sowohl in der öffentlichen Diskussion als auch in der erzählenden zeitgenössischen Literatur weitgehend ausgespart.

Judith Hindermann: Zoophilie in Zoologie und Roman. Sex und Liebe zwischen Mensch und Tier

Doch es ist nicht nur die Zoophilie, die hier an den Tabus der menschlichen Existenz rührt. Der Regisseur setzt noch eins drauf. Erst durch die geschlechtliche Vereinigung mit dem KatzenMENSCHEN wird diese/r zum Tier und dieses erst wieder zum Menschen. Die Vereinigung ist nicht nur Lustprinzip sondern vor allem Bedingung für die eigene Transformation. Allein der Inzest erlöst die Katzenmenschen. Er wird zur auslösenden Triebkraft des Films.

Was den Film so spannend macht, ist, wie Schrader die Grenzen zwischen Mensch und Tier ständig verschiebt, jedoch dabei die Gesetze der Filmkunst niemals verletzt. Das fiktive Spiel ist schillernd aber nie absurd. Doch Schrader ist nicht nur Provokateur. Er macht auch Zugeständnisse an die herrschende Moral: das gehört offenbar zum Spiel. Wie am Beginn des Filmes, wo dem Publikum der Hintergrund des Films fast schuldbewußt erklärt wird, schreckt Schrader auch am Ende vor dem völligen Tabubruch zurück. Die Frau endet nach einem Geschlechtsakt in Fesseln im Zoo ihres Liebhabers – als Panther hinter den Gitterstäben eines Käfigs.  Sie wurde (aus Liebe, wie uns Schrader weismachen will) gezähmt, dem Menschen wie dem Manne untertan gemacht. Die gesellschaftliche Ordnung ist wiederhergestellt. Allein der Mensch hat Zugriff auf das Tier: aber wer schützt es vor seinem Herrn?

Epilog

Nastassja Kinski hat in einer Late Night Show mit einem  unverschämt paternalisierenden David Letterman kokett wie berechnend eine weitere, allerdings stille Provokation gesetzt. Es geht dabei um ihr Bild mit der Schlange, das im Magazin Vogue erschienen war. Und das ist eindeutig sexistisch. Wir sind wieder in der Realität angelangt.

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