Natur · Remembrance

Das Gedächtnis der Natur

Emi Itäranta: Der Geschmack von Wasser
DTV Verlagsgesellschaft, München 2014
ISBN: 978-3-423-65009-0, kartoniert, 340 Seiten.

Irgendwann in der fernen Zukunft: auf der Erde herrscht aufgrund einer nachhaltigen Klimaerwärmung prekäre Wasserknappheit. Die Protagonistin des Buches ist eine junge Teemeisterin namens Noria. Sie wird Kraft ihres Amtes, wie sie allerdings erst im Verlauf ihrer Recherchen erfährt, zur rituellen Hüterin des Wassers. In dieser Rolle bewacht und beschützt sie eine Quelle, die sich in unmittelbarer Nähe ihres Hauses, versteckt in einer Höhle,  befindet.

Ihre Familie hat das Geheimnis der Quelle seit Generationen gewahrt und da die Wasserknappheit inzwischen sehr groß geworden ist, versucht die Militärregierung die komplette Kontrolle über alle Wasservorräte zu erzwingen. So wird der Besitz von verfügbaren Frischwasserquellen für den Einzelnen sehr gefährlich, Wasservergehen werden von den offiziellen Wasserwächtern mit Isolation und dem Tod bestraft. Die Häuser der Betroffenen werden mit einem blauen Kreis gebrandmarkt.

„Der Geschmack des Wassers“ ist eine negative Utopie, zeigt jedoch nur einen schmalen Ausschnitt einer künftigen Gesellschaft. Das Hauptaugenmerk des Romans liegt nicht so sehr auf der Schilderung der Entstehung oder des Hintergrunds dieser Dystopie.  Damit ähnelt das Buch ein wenig dem großen Utopie – Entwurf der kanadischen Autorin Margret Atwood, die sich in ihrer Trilogie über die „wasserlose Flut“ ebenfalls auf das individuelle Schicksal ihrer ProtagonistInnen und nicht auf die Beschreibung einer komplexen Zukunft konzentriert hat. Doch Emmi Itäranta geht weiter: Die siebzehnjährige Heldin ist keine Actionheldin, sondern eine nachdenkliche und introvertierte Jugendliche, die mit ihrer sozialen Verantwortung ringt und Stück für Stück die Geschichte des Wassers und damit der Ungerechtigkeit ihrer Welt entschlüsselt. Es ist ein Ringen um Verantwortung, die sie nach dem Tod ihres Vaters und dem Wegzug ihrer Mutter alleine tragen muss. Sie kann dabei weniger auf die Hilfe ihrer Freundin zählen als vielmehr auf die Notizen vorhergehender Teemeister und auf historische Bücher, die ihre Mutter hinterlassen hat. Stück für Stück entschlüsselt sie so die Geheimnisse der Vergangenheit, die sie ermutigen klare Konsequenzen zu ziehen.

So  bleibt die Erzählung sehr auf die individuelle Wahrnehmung, das Ringen um Verantwortung und damit auf die Gewissenskonflikte der siebzehnjährigen Protagonistin konzentriert. Sie hütet das Geheimnis der Quelle,  erfährt aber auch, wie egoistisch ein solches Verhalten sein kann. Indem sie beginnt, Frischwasser mit einer befreundeten Familie zu teilen, begibt sie sich nicht nur in Lebensgefahr, sondern auch in ein tiefes moralisches Dilemma. Darf man das Geheimnis überhaupt wahren, wenn die Menschen ihrer Umgebung unter lebensbedrohender Wasserknappheit leiden? Solidarisches Handeln gefährdet nicht nur die eigene Sicherheit, sondern gibt auch das Geheimnis der Quelle preis, die damit für die Allgemeinheit verloren geht. Denn wie so oft, sind Ressourcenfragen zu allererst Machtfragen und die Militärregierung tut alles, um ihre eigene Macht zu festigen und die eigenen, geheimgehaltenen Wasservorräte zu vermehren.

Das Buch ist das Debut der in den UK lebenden und in zwei Sprachen schreibenden Finnin Emmi Itäranta. Der englische Titel weicht vom deutschen ab und gibt viel mehr vom eigentlichen Thema des Buches preis. Er heißt „Memory of Water“ und darum geht es auch in diesem Buch: um ein Nachdenken darüber, wie sehr das Wasser zu unserem Menschsein gehört und wie sehr es die Geschichte dieser Welt in sich trägt, vom ihrem Beginn an.  Wer gerne Dystopien liest, die nicht nur die negativen Konsequenzen unseres gegenwärtigen Handelns kritisieren, sondern sich mit den moralischen Kernfragen unserer Existenz auseinandersetzen, dem sei angeraten, zu diesem Buch zu greifen. Es ist spannend und sprachlich eindrücklich geschrieben und gewährt uns tiefe Einblicke in eine konfliktreiche und unwägbare Welt, in der Heranwachsende auch heute schon leben. Insofern ist es ein Jugendbuch, das vor allem der Erwachsenengeneration ans Herz zu legen ist, welche über ihr eigenes Versagen an dieser Welt nachdenken sollte.

Ich freue mich auf das nächste Buch der Autorin und vergebe guten Gewissens alle fünf möglichen Sterne, daß es nur so funkelt.


PS: Diese Rezension wurde bereits einmal auf meinem Blog Leseliest veröffentlicht und aus organisatorischen Gründen in dieses Blog verschoben. Leselist wird nach vollständiger Migration der Artikel eingestellt.

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