Remembrance

Photolocation Hunt

Im Prinzip geht es beim „Photolocation Hunt“ darum, mit einem sehr alten Foto und einer Kamera ausgerüstet, den abgebildeten Ort aufzusuchen und, wenn möglich, von genau jenem Standort erneut abzulichten, an dem das Ausgangsphoto gemacht wurde. Als Endprodukt entstehen zwei identische Photos mit gleichem Frame, der Zeitpunkt ihrer Produktion oft mehrere Jahrzehnte von einander entfernt. Idealerweise käme dann erklärender Text hinzu, der beide Orte geographisch, zeitlich und semantisch miteinander verbindet. Zwischen den Bildern besteht nicht nur ein Zeitsprung und ein technologischer Unterschied,  sondern auch ein persönlicher und objektivierbarer Gedächtnisraum.

dresdner

Aufgenommen in A-1200 Wien, Drednerstraße 113.
Links: 2. Weltkrieg,
Rechts: 2002
Das im Hintergrund abgebildete Haus beherbergt heute noch immer diesselbe Konservenfabrik, die „Gemüsekonserven. Franz Ableitinger“. Möglicherweise ist der Mann in der Mitte der ehemalige Besitzer, der mit zwei Soldaten der Deutschen Wehrmacht in national betonter Kleidung posiert. Insebsondere der rechte Soldat weckt Assoziationen an den Krieg: ein verletzter Kriegsheimkehrer? Die Werbeschilder haben sich verändert, das Gebäude blieb in seiner Substanz relativ unverändert. Trotzdem: es fällt auf, daß die Fassade des Hauses nunmehr sich schmuckloser als in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts darstellt, wohl ein Zug zur Versachlichung und Vereinfachung in einem sehr kostenbewußten Jahrhundert. Heute schreiben wir 2018: rein äußerlich hat sich gegenüber 2002 nichts substantiell verändert. Wann wird das geschehen?

Photolocation Hunt. Auf diesen Begriff bin ich vor mehr als 12 Jahren gestoßen, bei einer Bloggerin namens Chronistin. Ihr Blog heißt heute Sturmpost, die entsprechende Konversation kann ich heute nicht mehr finden. Soweit ich mich erinnern kann, beschrieb sie den Begriff des Erinnerungsraumes und als ich ihr als Kommentar zu ihrem Posting ein entsprechendes Doppelbild und eine kurze Beschreibung meiner photographischen Tätigkeit schickte, prägte sie den Begriff Photolocation Hunt. Die Methode hatte ihren Namen bekommen.

Nicht, daß die Methode etwas genuin Neues gewesen wäre oder heute nicht gerne von Journalisten angewandt würde. Das Geheimnis liegt wie bei so Vielem im Selbermachen, welches das eigene Leben als kurzen historisch bedingten Ausschnitt erfahrbar macht. Dafür hatte die Chronistin diesen Begriff geboren. Oft ist die aufgesuchte Welt noch immer vorhanden, manchmal existiert sie längst nicht mehr. Viele Fragen tauchen im Prozeß des vergleichens auf: Was wird mit unserer als selbstverständlich und unmittelbar empfundenen Gegenwart in hundert Jahren passiert sein? Was bleibt: unterliegt es definierbaren Gesetzmäßigkeiten oder haben wir es mit reiner Zufälligkeit zu tun? Was tut ein solcher Vergleich mit unserem Sentiment? Der Wiener Publizist Franz Schuh hat unübertroffen präzise formuliert (!paywall!):

….aber andere Menschen entwickeln auf der Suche nach dem Verschwundenen so etwas wie eine späte Liebe. Es ist eine leichte Nostalgie, die sich nicht selten aus dem Rückblick ergibt.

Erstmals aufmerksam geworden bin ich auf diese Methode bei einem Besuch in Nishni Novgorod in der Russischen Föderation. Es muß wohl ein Fremdenverkehrsprospekt gewesen sein, der Bilder von 1912 mit jenen aus 2002 kontrastierte. Unmittelbar darauf habe ich selbst einige Versuche gewagt und in einer Gruppe auf Flickr einige Beispiele aus Turin und Wien eingestellt. Das Interesse der Community war enden wollend. Selber Frame, andere Zeiten und der Gedächtnisraum, der sich dazwischen auftut: das hat mich fasziniert und tut es heute immer noch.

Und da war noch der Film Smoke von Wayne Wang und Paul Auster, den ich 1995 sehen durfte.  Seit Jahren fotografiert der Protagonist Auggie Wren pünktlich um Acht Uhr Morgens diesselbe Straßenecke. Beim Durchblättern der einzig aus diesen Bildern bestehenden Photoalben findet ein Besucher auf einem der 4000 Bilder seine verstorbene Frau wieder. Die Bilder sind nicht gleich: alle sind verschieden. Vielleicht ist es tatsächlich diese neurotische Phantasie, auf alten Fotografien mit den Augen von heute etwas bislang Unentdecktes zu sehen und zu finden. Vielleicht geht es auch um das Symbol des verstorbenen Menschen, der plötzlich, unvermutet aber doch immer schon gesucht, auf einem dieser Bilder auftauchen könnte. Die verlorene Vergangenheit, die wir durch einen Zaubertrick für uns dienstbar machen wollen.

Deshalb möchte ich diesen Faden auf diesem Blog wieder aufnehmen und an mehreren Beispielen nachweisen, inwieweit es faszinierend sein kann, mit zeitlichem Abstand den scheinbar selben Blick auf die Welt zu werfen. Wenn es interessiert, dann bleiben Sie uns als LeserIn erhalten!


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