Kultur

Schuld, Leid und Erlösung

Normalerweise pflege ich genüßlich meine Vorurteile über den ostasiatischen Krimi, vergangenes Wochenende aber ließ ich mich eines Besseren belehren. Der Qualitäts-Streamingdienst Mubi verführte mich zu dem südkoreanischen Film The Chaser (2008) und dem Hong Kong Streifen Dog Bite Dog aus dem Jahr 2006. Beide haben mich begeistert.

chaser
Clip aus dem Film The Chaser

Was muss geschehen, daß ein desillusionierter und in Unehren entlassener Polizeibeamter sich plötzlich aus seinem Zweckzynismus und seiner Rolle als Zuhälter befreit?  In dem Film The Chase entdeckt der Protagonist der Geschichte, daß ein Teil der von ihm vermittelten Mädchen offenbar einem Serienkiller zum Opfer gefallen ist. Er begibt sich auf die Suche nach der zuletzt verschwundenen Frau, die er trotz Krankheit dem Serienmörder zugeführt hat. Es besteht Hoffnung, daß sie noch lebt. Schießlich wird der mutmaßliche Täter gefaßt und er legt ein Geständnis ab, das er allerdings widerruft. Ein Staatsanwalt macht sich allerdings schuldig, weil er den gefassten Verbrecher wieder auf freien Fuß läßt, um den möglichen Anfeindungen durch die Presse zu entgehen. Die erneute, verzweifelte Suche nach dem Täter und seinem Opfer wird zum Sinnbild für die Suche nach Vergebung und Erlösung von Schuld. Langsam wandelt sich der Zuhälter von seiner Rolles als „Beschützer“ zu einer mit Empathie und Verantwortung handelnden Person. Eingeschrieben in die Topographie der Stadt Seoul ist dieses verzweifelte Ringen um Erlösung aussichtslos, ganz gleich, ob die Rettung der verschleppten Prostituierten und die Verhaftung des Serienmörders gelingt oder nicht. Lange Verfolgungsjagden zu Fuß machen das Ringen auf symbolischer Ebene sichtbar. Erfreulicherweise fehlt dem Film der Film der in den USA übliche geschmäcklerische und voyeuristische Umgang mit dem Verbrechen. Das Verbrechen bleibt, was es ist: eine menschliche Katastrophe. Es ist schrecklich und nicht cool.

Auch der aus Hong Kong stammende Film Dog Bite Dog spielt im Polizistenmileu. Auch hier ist die Suche nach Vergebung zentraler Angelpunkt der Handlung. Die Jagd auf einen brutalen und kompromißlosen Auftragskiller gestaltet sich für den selbst in ein schreckliches Verbrechen involvierten Polizisten zu einem Albtraum. Aber auch der gejagte Serienkiller sucht nach Vergebung, als er eine junge Frau aus ihrer schrecklichen Umgebung befreit und versucht, mit ihr ein „normales“ Leben zu beginnen. Allerdings holt die Vergangenheit beide ein: Jäger wie Gejagten. Roher und ein wenig ungeschickter inszeniert als The Chase ist dieser Film ebenfalls eine Abhandlung darüber, wie sehr der Einzelne Teil der Lösung als auch des Problems sein kann und die Befreiung von Schuld niemals gewährt wird. Beide Fälle behandeln das Polizistenmilieu und auch hier gibt es nur Zwischentöne, niemals aber Gut oder Böse. Diese Schattierungen machen beide Produktionen so wertvoll.

Überrascht hat mich der moralische Anspruch dieser Filme, die mit Gewaltszenen bei Leibe nicht sparen. Froh bin ich aber auch darüber, daß beide Regisseure nicht moralisieren, sondern über die Möglichkeit, Moral trotz tiefer Schuld zu entwickeln, reflektieren. Gewalt wird nicht verschwiegen, ist aber kein Selbstzweck oder pseudoästhetisches Brimborium.


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