Kultur

Über die Gefährdungen des Lesens

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek.
DuMont Verlag, Köln 2013
ISBN 9783832197179, gebunden, 64 Seiten.

Eigentlich hatte ich mich für dieses schmale, aber doch relativ teure Buch wegen der sehr schönen Aufmachung entschieden. Der Text des bekannten Schriftstellers Haruki Murakami wird mit wunderschönen Illustrationen von Kat Menschik begleitet. Ein prächtig gestaltetes, unheimlich anmutendes Buch also, das es einem schwer macht, es aus der Hand zu legen und in der Buchhandlung zurück zu lassen.

Die Handlung selbst ist rasch erzählt. Ein Jugendlicher wird mit Vorsatz von einem merkwürdigen Alten im Verlies einer Bibliothek eingeschlossen und begegnet dort neben der Geschichte eines osmanischen Steuereintreibers einem geheimnisvollen Mädchen und einem Schafmann. Gemeinsam beschließen sie die Flucht durch ein dunkles Labyrinth. Eine typische Murakami Geschichte also, die viele Elemente seiner Werke wieder aufnimmt und eigentlich keine Überraschung für all jene Leser darstellt, welche mit einem der früheren Werke des Autors vertraut sind.

Was mich allerdings an diesem Buch besonders interessiert hat, ist der formale Aspekt der Buchgestaltung. Es klingt paradox, aber gerade aufgrund der beeindruckenden Gestaltung verliert das Buch an Substanz. Aus der Erzählung wurde ein (wunderschönes) Bilderbuch, wo sich Text und Illustration nicht ergänzen, indem sie unterschiedliche Seiten unserer Phantasie ansprachen, sondern sich leider ihrer Wirkung gegenseitig berauben. Sie kennen das doch: ein Buch lesen bedeutet auch, sich von seiner Atmosphäre fesseln lassen und Bilder im Kopf zu entwickeln, die ganz intim mit der eigenen Vorstellungskraft und der eigenen Befindlichkeit zu tun haben. Das macht das Geheimnis der Literatur aus und das gilt umso mehr für Literatur, die uns in ein geheimnisvolles und unheimliches Universum entführen will. Das aber kann bei diesem Buch nur sehr schwer gelingen, denn die begleitenden Illustrationen kappen und beschränken die Entfaltung der eigenen Phantasie. Sie sind exzellent gezeichnet, aber sie drängen sich der Phantasie auf; sie entfalten ihre eigene Atmosphäre und dominieren damit den Gesamteindruck. Anders als bei der Graphic Novel sind Text und Bild keine geschlossene Einheit, die einander ergänzen, sondern konkurrierende Elemente. Brutal gesagt: die Bilder erschlagen die Worte und berauben die Erzählung ihrer Kraft.

Schade, denke ich, dass ich das bemängeln muss, denn eigentlich gefällt mir das Buch sehr gut. Vielleicht spricht die Gestaltung auch Jugendliche mehr an und kann sie so auf die Welten Murakamis neugierig machen. Wie heißt es so schön in dieser Erzählung über die unheimlichen Geheimnisse eines Verlieses tief unter einer Bibliothek, wo sich die verschiedenen Welten treffen: „Deine Welt, meine Welt und die vom Schafmann. Es gibt Orte, an denen sie sich überschneiden. So ist es doch, oder?“ (S. 37)

Und genau darum geht es vordergründig in diesem Buch: um das Ineinander und Nebeneinander der verschiedenen (Phantasie-) Welten eines jungen Menschen, der sich so gerne unterordnen möchte und letztendlich doch alleine bleibt. Schade, dass die Hintergründigkeit des Buches durch die Faktizität der Illustrationen auf der Strecke bleiben muss. Pracht muss nicht Qualität bedeuten, denke ich. Einfach zu viel des Guten, werter Dumont Verlag! Aber die Verkaufsstrategie hat gewirkt, bei mir zumindest.


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