Kultur

Harte Zeiten, gestern wie heute.

Karl August Tavaststjerna: Harte Zeiten.
DTV Verlag. München, 2014.
ISBN 978-3-423-14350-9, 272 Seiten.

Einen Klassiker habe ich gekauft, vom finnischen Schriftsteller Karl August Tavaststjerna geschrieben und 1891 erstmals erschienen. Mit dem Begriff „Harte Zeiten“ kann allerdings auch unsere Gegenwart charakterisiert werden. Das Buch thematisiert auf unaufgeregte Weise politische Gleichgültigkeit, mangelndes Rechtsbewusstsein, Armut, humanitäre Katastrophen und die dümmliche Egozentrik vieler Entscheidungsträger, die auf der Sonnenseite des Lebens leben.

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Freie Bauern aus Ruokolahti, Finnland (S. Falkman, 1882)

Das alles sind auch Grundthemen unserer globalisierten Gesellschaften und die Kenntnis um diese Dinge ist uns allen zugänglich, täglich und stündlich, wenn wir nur wollen. Aber unsere Aufmerksamkeit scheint seltsam unkonzentriert, Achtsamkeit  und Handeln tun not, damals wie heute.

Was wir heute im globalen Maßstab erleben, ist in Tavaststjernas Roman geographisch auf zwei Regionen Finnlands begrenzt. Finnland war damals noch ein Großfürstentum des Russischen Reiches und stark von der Land- und Forstwirtschaft geprägt: Hungersnöte angesichts langer Winter waren also vorprogrammiert. „Harte Zeiten“ ist den Romantiteln von Dickens entlehnt und bezeichnet sich selbst als „Erzählung aus Finnlands letzten Notjahren“. Das Buch beschreibt  das Schicksal von verarmten Taglöhnern wie reichen Großgrundbesitzern, die die historisch verbriefte Hungersnot von 1867/68 in Finnland zusammengeführt hat. Der Erzähler konzentriert sich dabei auf das Schicksal zweier Kleinbauern und ihrer Familien, die durch den Ernteausfall in der Provinz Österbotten in den Süden des Landes getrieben werden und sich dort bei zwei reichen Grundherren verdingen. Letztere aber scheinen der gesellschaftlichen Realität seltsam entrückt, während erstere verzweifelt um Leben, Glück und Zukunft ringen.  Dort in Tavastland verknüpft sich ihrer aller Schicksal auf dramatische Weise, und spitzt sich angesichts der Hungersnot und Typhusepidemie, die bald auch im reicheren Süden ausbrechen wird, katastrophal zu. Gleichzeitig wird ganz in der Nähe des Schauplatzes der Bau der Eisenbahnlinie vorangetrieben, die Helsingor (das heutige Helsinki) und St. Petersburg verbinden soll. Und wie es eben so ist in jener und unserer Welt, profitiert von den Hungerlöhnen der Arbeiter scheinbar die  Wirtschaft des Landes. Die persönlichen Konflikte und Katastrophen bleiben nicht aus, ein Mord wird geschehen und der Mörder sich selbst der Tat bezichtigen.  Deshalb kann man den Roman auch als Kriminalfall bezeichnen, der allerdings den Schwerpunkt nicht auf seiner Aufdeckung, sondern auf den Rahmenbedingungen und gesellschaftspsychologischen Hintergründen des Verbrechens legt.

Wer mutmaßt, der Erzählstil des Autors käme plakativ und plump anklagend daher, unterliegt einem Irrtum. Geradlinig und klar beschreibt der Autor die Hintergründe und Motive der Romanfiguren und tut ihnen andrerseits auch kein Unrecht an. Fast wirkt er wie ein distanzierter Chronist von Ereignissen, ein wenig sentimentaler Chronist  allerdings. Er trifft aber den Nerv der Gesellschaft, indem er die Dinge so darstellt, wie sie sind: sachlich, unaufgeregt und in aller Fairnis.  Trotz der großen Anerkennung für seinen Romans außerhalb Finnlands muss Tavaststjerna nach seinem Erscheinen das Land verlassen, dessen führende Schicht es nicht ertragen konnte, die Wahrheit über sich selbst  zu hören.

Ein Klassiker also, aber das darf die künftigen Leser nicht verschrecken. Denn die Schönheit der Sprache Tavaststjernas ist weder veraltet noch verwirrend. Hilfestellung beim Lesen leisten uns auch ein Nachwort und Anmerkungen von Klaus-Jürgen Liedtke, welche in die Hintergründe einführen und für all jene hilfreich sind, die mit Autor und Thema nicht vertraut sind.

Ich bin froh, dass der Finnland Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse 2014 auch auf dieses Buch aufmerksam gemacht  hat und bedanke mich beim DTV Verlag für die Neuauflage der „Harten Zeiten“. Vielleicht ist das ja auch kein Zufall angesichts des zustands unserer Welt. Klassiker lesen, kann spannend sein und gar nicht altmodisch. Immerhin hat dieser Klassiker mehr als 120 Jahre bei bester Gesundheit überlebt und ist auch heute noch aktuell und anregend. Das spricht für seine Qualität!


PS: Diese Rezension wurde bereits einmal auf meinem Blog Leseliest veröffentlicht und aus organisatorischen Gründen in dieses Blog verschoben. Leselist wird nach vollständiger Migration der Artikel eingestellt.

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