Kultur · Logbuch

25 Jahre Hauptstadt Bratislava

In der Zeit des Kalten Krieges beobachtete man als Wiener Bratislava manchmal vom Braunsberg unweit von Hainburg aus aus, einem Ausläufer der in der Slowakei „beheimateten“ Kleinen Karpaten. Dort stehend, sieht man in der Ferne die modernen Bauten der Trabantenstadt Petrzalka aus dem Dunst ragen. Dazwischen lag der Eiserne Vorhang mit seiner Todeszone. Petrzalka als Teil Bratislavas – eine Stadt, in die man als ÖsterreicherIn wegen des Visumzwanges kaum fuhr. Budapest kam da eher in Frage, zumindest in den Zeiten des Gulyaskommunismus.

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Brücke des Slowakischen Nationalaufstandes, Bratislava. Wikipedia Commons.

Daß es einstmals einen regen Austausch zwischen Wien und Bratislava gegeben hatte, war in Vergessenheit geraten. Damals, als die Preßburger Bahn noch die beiden Städte verband, war die geographische Nähe zueinander auch eine mentale. Bratislava war aber nun durch den Kalten Krieg in weite Ferne entrückt. Es war zum Bestandteil des „grauen“ Ostens geworden und Österreich lag selbst in einem toten Winkel Europas, umgeben von so genannten Ostblock. Mit Wehmut erinnern sich (auch heute noch!) österreichische Monarchisten an die alten Zeiten vor dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches.  In Kreisen der konservativen Diplomatie Österreichs ist heute noch immer sentimental und anmaßend von Preßburg die Rede – so, als ob die Bevölkerung in Bratislava mehrheitlich deutschsprachig wäre.

Als der Eiserne Vorhang gefallen war, führte mich 1991 mein Beruf in das heruntergekommene Petrzalka, einst Stolz der Städteplanung in der Tschechoslowakei und nun Sinnbild der Häßlichkeit des „Ostens“.  Dort beschämten wir das Küchenpersonal des Studentenheimes, in dem wir wohnten, durch unser westlich-verweichlichtes und zickenhaftes Verhalten. Wir weigerten uns, das dort angebotene Frühstück (gräuliche Ersatzkaffeebrühe und in Schmalz herausgebackenes Brot) zu uns zu nehmen und deckten uns bei einem kurzen Heimaufenthalt in Hainburg mit Löscaffee, Käse, Wurst, Müsli und Vollkornbrot ein.  Trotzdem blieben unsere slowakischen KollegInnen freundlich, machten aber beim abendlichen Umtrunk mit Gesang sofort klar, daß sie selbstbewußte Slowaken seien und die Trennung von der Tschechoslowakei anstrebten. Armut und vermeintliche Rückständigkeit hin oder her! Dies geschah dann auch wenige Jahre später, im Jahr 1993. Der von Vaclav Havel maßgeblich beeinflußten „Samtenen Revolution“ folgte die erstaunlich friedliche „Scheidung“ zwischen Tschechen und Slowaken. Manche mögen Letzteres heute wieder wieder bedauern.

Von da an besuchte ich Bratislava regelmäßig. Die Slowakei wurde mittlerweile von einem autokratisch-nationalistischen Politiker namens Meciar regiert, ein kleiner Vorgeschmack auf die rechtspopulistischen Regierungen, die heute nicht nur den ehemaligen Osten heimgesucht haben. Fast 15 Jahre lang habe ich dann, wieder berufsbedingt, mit meinen Besuchen pausiert. Inzwischen war die Slowakei im Rahmen der sgn. Osterweiterung der EU und dann auch dem Euro Währungsunion beigetreten. Das Grenzabfertigungsgebäude in Berg ist dann langsam zu einem friedlichen Lost Place geworden.

Es war im Jahr 2016, als ich mit Gästen aus der Schweiz den deutlich überteuerten  Twin City Liner am Donaukanal bestieg und mich auf der Donau nach Bratislava glitt. Ich erkannte die Stadt nur mit Mühe wieder. Sie war zu einer modernen Großstadt geworden, die wie ihre Schwestern in Glas, Stahl und versiegelter Fläche erstickte. Die ausgedehnte Altstadt im Stil einer Operette. Beides, Altstadt und Schloß waren komplett als museales Areal renoviert und für die Zwecke des Tagestourismus behübscht.  Überraschend viele Touristen, sehr oft via Wien angereist, bevölkerten die Innenstadt. Ein wenig Ruhe fanden wir im  modernisierten Freizeitgelände an der Donau. City Live am Wochenende: hier reiht sich ein Restaurationsbetrieb an den anderen, eine Art Copa Kagrana im Kleinen. Aber so müssen sie halt sein, unsere modernen Städte: Agglomerate des Turbokapitalismus, die das Wirtschaftssystem atmen, deren Zentrum sie sind, monetäre Verwertungsareale im Wohnen, Arbeiten und in der Freizeit. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, hat sich Bratislava  in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Keiner (mich eingeschlossen) weint den alten Zeiten nach, aber Lebensqualität sieht anders aus.

Kürzlich ist im Guardian ein Städteporträt über Bratislava erschienen, welches sich auf das 25 Jahre – Jubiläum der Stadt bezieht. Hier werden auch die städtebaulichen Probleme  angeführt wie der schon oben erwähnte des Flußpark aber auch die Versiegelung der Weingärten in Vinohrady. Daß Bratislava bis heute keine Metro besitzt, die eigentlich schon in der kommunistischen Aera geplant worden ist und außerhalb der Fußgängerzone es kaum eine Beschränkung für den Autoverkehr gibt, steht auch auf dieser Liste.

Aber wir wollen nicht noch mehr mäkeln an unserer östlichen Nachbarstadt und ihr stattdessen alles Gute zum 25. Geburtstag wünschen. Nobody is perfect! Einen Besuch ist sie allemal wert, insbesondere für die LiebhaberInnen von Wochenend-Städtereisen. Hin mit dem Schiff, das uns ins Zentrum der Stadt bringt und retour mit der Bahn, vom etwas abseits gelegenen Bahnhof in Petrzalka aus? Wär das nicht was? Gute Fahrt.

 


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