Kultur

Andere Saiten aufziehen: Wut diesmal!

Die Anlässe erscheinen unerschöpflich: Die Wut auf PlatzräuberInnen in Öffentlichen Verkehrsmitteln, der Zorn auf den hemmungslosen Populismus der Politik, die Wut auf das unfreiwillige Dauerbad mit stumpfsinniger Werbung und nicht zuletzt: die Wut als Folge einer unbemerkt geblieben Unterzuckerung. Man könnte ja geradezu ein Wutglossar verfassen, nur in Beobachtung des alltäglichen Wahnsinns.  All die Wut, immer und überall!

Woher kommt dieser ständige Strom an konfliktbereiter Irritation, wo wir uns doch so gerne zu Respekt, Contenance und Überlegenheit bekennen? Und wie damit umgehen? Ein wenig Historisches hat dazu ja vor geraumer Zeit Georg Schramm referiert. Schade, daß sich dieser Mann mittlerweise zur Ruhe gesetzt hat. Ich hätte mich gerne weiter mit ihm erregt!

Auch die Schweizer Kulturzeitschrift Saiten hat sich in der Dezemberausgabe 2017 die Frage nach der Wut  gestellt und setzt einen Monat später in seiner Jännerausgabe mit einer Kolumne über „grantiges Pendeln“ nach. Also Wut auch in der Schweiz?

Wut

Fündig geworden sind die AutorInnen zunächst einmal in den Sozialen Medien, was zunächst nicht weiter überrascht.  Die Netzaktivistin Jolanda Spiess-Hegglin fragt etwa: „Wohin mit dem ganzen Internetdreck?“ Lea Stahel und Michael Etter fügen hinzu, daß die unbeherrschte Entrüstung trotz aller Bemühungen von Twitter, Facebook und Co. nicht zufällig auftreten würden. Sie sei auf jene  Algorithmen zurückzuführen, die die lautesten und krassesten Statements in der Beliebtheitsskala nach oben reihen würden. Prinzip Marktplatz also, kurz vor Betriebsschluß.

Gehen wir zur analogen Verfaßtheit der Wut. Die psychologische Vefasstheit des Wutbürgers beschreibt Jana Vancek in einem weiteren Artikel. Nein , der Wutbürger sei nicht wütend, meint sie, er habe Angst, aus seiner Illusion aufzuwachen. Marina Widmer wiederum schreibt über die Wut der Frauen und die daraus erwachsende Kraft, sich gegen manifeste und latente Unterdrückung aufzubegehren. Ach ja, die als Querulanten oft diffamierten politischen Aktivisten gibt es da auch noch zu katalogisieren, in dem Porträt von Peter Suber über Hansueli Stetter, dem Streiter gegen die Mobilfunkmasten aus St. Gallen.

Damit auch die politische Theorie nicht zu kurz kommt, beschäftigen sich Tyna Fritschy und  Laura Nitsch mit den Attitüden der Macht in prekären Zeiten und nehmen Wut und Klassendifferenz in ihren Blick. Da wird es abstrakt und spannend, wenn auch sprachlich ein wenig verschroben. Ich schreibe mir folgende Fragen ins Stammbuch und denke, allein wegen dieser Fragen  hat sich die Lektüre der Saiten wieder einmal gelohnt:

Was bedeutet es, die Wut zu fixieren, sie zu personalisieren, sie aus einem noch unbestimmt Atmosphärischen herauszulösen? Wie können wir uns der Wut und Aggression annähern? Wie können wir in Wut sprechen, ohne vorschnell delegitimiert zu werden – als Sprechende und Handelnde? Wie können wir wütend sein, ohne pathologisch zu sein, sondern, im Gegenteil, äußerst lebendig, quicklebendig, und darum wütend, zum Glück?


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