Remembrance

Das Denkmal von Elias Lönnrot

Elias LÖNNROT (1802 – 1984) war finnischer Schriftsteller, Philologe und Arzt, der auf seinen Reisen durch Finnland die mündlich überlieferte finnische Volksdichtung aufzeichnete, auf deren Grundlage er u.a. das finnische Nationalepos Kalevala schuf. Die Kalevala wurde schließlich zu einer der Grundlagen der finnischen Identität und der finnischspachigen Literatur.  Das Denkmal zeigt den auf einem Stein sitzenden LÖNNROT umgeben von Gestalten aus der Kalevalöa; neben ihm der mythische Held VÄINÄMÖNEN, der aus dem Kopf des Riesen VIPONEN herauswächst, und ihm zu Füßen IMPI (ILMATAR), Urgöttin und Sinnbild der Poetik der Kalevala. Es war ursprünglich vorgesehen, auch TAPIO, den Waldgott, zu dieser Figurengruppe hinzuzufügen. Davon mußte allerdings  aus Kostengründen abgesehen werden. Am Podest befindet sich LÖNNROTs Name und der Spruch „Sain sanat salasta ilmi, Kalevala“ (The words I laid open, Kalevala). 

Ein Bild vom 18. Oktober 1902 zeugt von folgendem: An den Stufen des Denkmals liegen Kränze, es ist von zahlreichen Schaulustigen umgeben, die dem in der Nacht enthüllten Denkmal ihre Aufwartung machen. Das Publikum ist gemischt: Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen, Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten.  Einige der Zuseher blicken hinauf zur Kamera, die wohl in dem angrenzenden Gebäude der „Alten Kirche“ beim Fenster aufgestellt wurde. Andere Personen sind ins Gespräch vergibt. Öffentliche Ansprachen werden nicht gehalten.  Auch die Polizei ist anwesend. Im Hintergrund eine Baulücke und junge Lindenbäume. Im Vordergrund ein Wiesengrundstück. Das Foto ist dem Online Auftritt der Finnischen Literarischen Gesellschaft entnommen.

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18.10.1902 – Am Tage nach/vor der nächtlichen Enthüllung versammelt sich  erneut konspirative Öffentlichkeit.

1899 initiierte die Finnische Literaturgesellschaft eine Ausschreibung für ein Denkmal zu Ehren von Elias LÖNNROT, dem Schöpfer der Kalevala. Als Grundstück hatte man eine freie Parzelle hinter der schon 1826 errichteten „Alten Kirche“ vorgesehen. Die Ausschreibung hat Emil WIKSTROM gewonnen, welcher allerdings nicht seinen eingereichten Entwurf umsetzt, sondern sich bei den Konzeptideen eines Mitbewerbers bedient. Die Bronzeskulptur wurde in Brüssel hergestellt. Enthüllt wurde sie in der Nacht des 18. Oktober 1902. Von einer offiziellen Enthüllung am Tag sah man  ab, die Organisatoren wollten einen Konflikt mit der russischen Behörde vermeiden. Finnland war ja seit 1809 russisches Großherzogtum. Jetzt, an der Wende zum 20. Jahrhundert kam die nationalromantische Bewegung der Finnen in einen immer größer werdenden Konflikt mit der russischen Zentralbehörde. Dieser eskalierte 2 Jahre nach der Errichtung des Denkmals in der Ermordung des russischen Generalgouverneurs Bobrikov (1904). Dieser hatte im Auftrag des Zaren eine Diktaturverordnung durchgesetzt, der einzelne, bisher gewährte Rechte der finnischen Bevölkerung stark beschnitt. Die Enthüllung eines Denkmals für Lönnrot und der Kalevala 1902 besaß in dieser schwierigen politischen Lage ungeheure Sprengkraft, war das Nationalepos doch zu einer zentralen sprachlichen und mythologischen Ikone des romantischen Nationalismus in Finnland geworden. Man blieb deshalb lieber diskret und wollte die Behörden nicht herausfordern. Schon eigenartig: ein Denkmal mit Apellcharakter,wird trotz seines öffentlichen Charakters der Öffentlichkeit partiell verborgen.

Heute wird das Monument gerne und häufig aufgesucht, insbesondere anläßlich des offiziellen Kalevala-Tages am 28. Februar jeden Jahres. Ebenso wird am 4. Juni, dem Beginn der Schulferien in Finnland das Denkmal gerne von SchulabsolventInnen mit weißen Schirmkappen besucht, um dort vor dem Schöpfer der Kalevalla und Mitbegründer des „Finnischen“ zu posieren und Erinnerungsfotos zu machen. Touristengruppen kommen auch, meist auf Stadttouren, die in Kombination mit der Besichtigung der „Alten Kirche“ durchgeführt werden.

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Die Kalevala ist aber nicht nur ein literarisches und nationales „Monument“ im Rahmen des  kulturellen Gedächtnisses Finnlands, sondern wohl Ort für die Überlieferung aus heidnischen Zeiten. AnhängerInnen des Neopaganismus suchen hier nach ihren heidnischen Wurzeln.  Unter der Überschrift „Standing on Sleeping Giants“ bettet Aki CEDERBERG nach einem entsprechenden Besuch des Denkmals die Skulptur in den mythisch-poetischen Zusammenhang der Kalevala. Wieder erweist das Denkmal seine Kraft als Fokus von kollektivem Gedächtnis, weniger in nationalem Zusammenhang als in einer Art neuheidnischer Rückbesinnung.

Mehrmals besuche ich während meines Aufenthalts in Helsinki das Denkmal am Lönnrotinkatu 5, auf der Suche nach dem exakten Standort der Aufnahme aus dem Jahr 1902. Die „Alte Kirche“ (finn: Vanhakirkko) hatte ja in diesem Areal schon seit 1826 bestanden, der weiträumige Platz im heutigen Zentrum Helsinkis  und hieß ursprünglich Kirchenplatz (finn. Kirkkotori). Das Denkmal wurde auf der Hinterseite des Platzes errichtet. Aufgrund des leicht erhöhten Standortes der Kamera mußte das Bild von 1902 von einem leicht erhöhten Standort geschossen worden.

Nach mehreren fotographischen Versuchen kam ich zu dem Schluß, daß sich der Standort der Kamera wohl in der Kirche selbst befunden haben mußte, und zwar durch ein geöffnetes Fenster hindurch. Leider ist gegenwärtig der Wandelgang um den eigentlichen Gebetsraum, an dem sich dieses Fenster befunden haben mußte, versperrt. Eine grimmige und bedingt höfliche Reinigungsfrau wollte da auch keine Ausnahme für mich machen. Andrerseits: aus Zeitmangel kann ich nicht mit dem Pfarrer/der Pfarrerin verhandeln, um mein Anliegen vorzubringen. Doch das ist nicht die einzige Schwierigkeit, die ich mit den Bildern von Lönnrot Denkmal habe.  Der Kontrast zwischen der Patina des Bronze-Denkmals und dem Grün der umgebenden Bäume ist schwer herzustellen und sieht in Farbe ziemlich übel aus.  Da helfen weder Sonnenschein noch Regendämmerung. Unbefriedigt ziehe ich von dannen, mich mehr schlecht als recht mit dem dummen Ausspruch tröstend, daß der Weg wohl notgedrungen das Ziel gewesen sein mußte. Man möge mir die ungenaue Fotographie aus dem Jahr 2017 verzeihen.

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PS: Diese Rezension wurde bereits einmal auf meinem Blog Remembrance veröffentlicht und aus organisatorischen Gründen in dieses Blog verschoben. Remembrance wird nach vollständiger Migration der Artikel eingestellt.

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