Natur

Peter Mettlers „Picture of Light“

Der schweiz-kanadische Regisseur Peter Mettler hat diesen Dokumentarfilm 1991 und 1992 während zweier Aufenthalte in Churchill (Manitoba/Canada) gedreht; dies in Zeiten, als unsere virtuelle Welt noch nicht existierte, aber in ihren Grundzügen bereits antizipiert werden konnte. Ein Filmteam macht sich auf den Weg in die Finsternis und die Kälte, um die Aurea Borealis analog (!) zu filmen.

Es kann leicht sein, daß sich die Nordlichter, die Natur nicht filmen läßt, daß Filme und Medien mit Natur unverträglich sind. Ist der Film ein Ersatz für die echte Dinge? Ist der Film ein Ersatz für ursprüngliche Erfahrung?

(…) Wir sind in die Arktis gekommen, um Licht einzufangen, angelockt von einem Wunder der Natur. In einer Zeit leben, in der es scheint, daß Dinge erst existieren, wenn sie als Bild festgehalten werden. Wenn du deine Augen schließt, siehst du vielleicht die Lichter deiner Netzhaut. Nicht unähnlich dem Polarlicht. Nicht unähnlich dem Zucken der Gedanken. Wie eine formlose Ansammlung von allem, was wir je sehen werden.

Stimme aus dem Off im Film Pictures of the Light von Peter Mettler.

Wer eine schöne Naturdokumentation über das Polarlicht erwartet hat, wird von den eigenen Erwartungen enttäuscht und hat wahrscheinlich den Film nicht verdient. Denn Picture of Light ist eine poetische Reflexion über die Gewalt der Kälte und der Finsternis, über die erfahrene Realität und die von ihr produzierten Bilder; und nicht zuletzt über den mystischen Augenblick, mit der uns das Polarlicht umgibt. Es ist, als ob jene, die sich über den Rand der Zivilisation hinauswagten, um dort Tage in Absurdität und Einsamkeit zu verbringen, mit unermeßlicher Energie belohnt würden. Um die elektromagnetischen Wellen tanzen zu sehen, muß der Beobachter jedoch eine Menge Containance, Humor und Verrücktheit aufbringen. Und er muß warten können, oft einen ganzen Film lang, einen ganzen Sturm lang, bis das eintritt, worauf er gehofft hat. Das war zumindest damals so, 25 Jahre vor unserer Gegenwart. Heute überschwemmen die Bilder der Aurea Borealis die Bildersuche bei Google: ein Bild ist vordergründig prächtiger als das andere, gleichzeitig aber sind sie alle abgeschmackt und stumpf, meist zum Klischee ihrer selbst verkümmert. Mit dem Bild verkümmert nunmehr die Wirklichkeit.

Ich habe mein erstes reales Polarlicht 2015 gesehen, an der Nordküste Norwegens vor einer gottverlassenen Hütte in der Nähe des Ortes Havøysund. Hier war nichts außer Meer, Gesteinslandschaft, Wind und Himmel. Die virtuelle Welt existierte nicht: kein Telefonempfang, kein Internet. J. hatte mich spätabends aufgeregt vors Haus gerufen. Dort draußen in der Kälte erschlug es mich unerwartet, meine erste Begegnung mit dem Polarlicht. Es nahm den ganzen Himmel ein, in einer atmenden Bewegung. Die  Energieteilchen prasselten auf meinen Kopf wie auf einen in den Himmel gerichteten Blitzableiter, erfüllten meinen Geist und überschwemmten meine Gefühle.  Der Himmel brannte. Unermeßliche Angst, sogar Panik erfüllte mich, als würde die Welt in mir verdampfen. Die Schönheit, so denke ich später, kann auch in Schrecken und Panik erlebt werden. J., die neben mir vor der Hütte steht, ist unbeeindruckt von möglichen Schreckensszenarien und gibt sich ehrfurchtsvoll dem Naturschauspiel hin. Ich hingegen flüchte in die Hütte zurück, denn ich kann das pulsierende Leuchten und was es mit mir macht nicht mehr länger ertragen. Bei dieser Angst sollte es auch in Zukunft bleiben. In Jokkmokk versuche ich den Lichtern wieder standzuhalten und: flüchte. In Angeli halte ich mich verwirrt am Treppengeländer fest. Ich vermeide es, mich dem Polarlicht direkt auszusetzen. Gleichzeitig zieht es mich an, so wie der Tod.

Eine Reihe von Personen erzählen in Peter Mettlers Film von ihren ästhetischen Erfahrungen mit den Nordlichtern, es sind durchwegs positive Erlebnisse. Danach suche ich nicht.  Nur die Auffassungen der Inuit lassen mich aufhorchen. Sie sagen, daß die Lichter die Verstorbenen seien, die herauskämen, um die Lebenden zu grüßen. Und der Inuit Alex Oskun sagt, sein Großvater hätte ihm geraten, nicht ins Polarlicht zu schauen, weil es, wenn man es mit dem Auge fixiert, näher kommt, ganz nahe, und plötzlich hört man das Geräusch wie einen starken Wind.

Ich weiß, das die Polarlichter nichts mit dem zu tun haben, was uns die Tourismusindustrie oder die digitalen Bilderwelten im Internet versprechen. Nicht für mich und wahrscheinlich für niemanden, der sich nördlich des Polarkreises umgesehen hat. Man muß wahrscheinlich, so wie es Mettler in seinem Film andeutet, die unterschiedliche Beschaffenheit des Schnees in diesen Breiten verstehen und seine vielen Bezeichnungen lernen. Und man muß genug Verrücktheit besitzen, ein Loch in die Wand des Motels zu schießen, um durch dieses das Wachsen einer Schneewehe im eigenen Zimmer zu ermöglichen.


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