Digitales · Logbuch

Über den Verlust der Schreibfähigkeit.

Die ungeliebte, aber unumgänglich notwendige Tätigkeit des Weihnachtskarten Schreibens im Büro hat es wieder auf erschreckende Weise gezeigt: Ich kann nicht mehr Schreiben!!! Wohin sind die Zeiten, als ich dem Ehrenamt des Tafelschreibers in der Schule nachgehen durfte und die Mitschüler mit meiner schönen und deutlichen Schrift beglücken durfte oder, wo ich wunderschöne Tagebücher schrieb, deren Inhalt zweifelhaft, die Schreibqualität jedoch großartig war. Irgendwann in den letzten 20 Jahren mußte es geschehen sein: Ich habe verlernt zu schreiben. Nicht nur, daß mir schon nach wenigen Zeilen die Hand wie höllisch schmerzt, auch das Ergebnis ist eine Katastrophe: die krakelige, ungelenke Schrift eines analphabetischen Greises.

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Ein finnisches Bullet Journal. Bild: Wikimedia Commons

Ich erinnere mich an die Meldung in den Medien: Finnland hat mit dem Schuljahr 2016/17 mit der Tradition des Erlernens der Schreibschrift gebrochen. Begründet wurde dies vom finnischen Schulministerium mit der Auffassung, daß einerseits das Verbinden der Buchstaben bei den GrundschülerInnen in vielen Fällen zu Schreibblockaden geführt hatten und andrerseits in diesen ach so modernen Zeiten mehr Augenmerk auf ein schnelles Erlernen des Tastaturschreibens gelenkt werden müsse. Die FAZ mutmaßt nun wohl zu Recht:

… das finnische Beispiel zeigt, in welche Richtung sich das schulische Schreibenlernen vielerorts bewegt: Erst wird die verbundene Schreibschrift zur unzumutbar komplizierten oder schlicht entbehrlichen Technik erklärt, dann entweder vereinfacht oder durch handgeschriebene Druckbuchstaben nach dem Vorbild der Tastatur ersetzt. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt ganz fort von Hand, Papier und Stift und hin zum digitalen Schreiben allein.

Schreibschrift gegen Tastaturschrift also, darauf soll es hinauslaufen. Kritiker halten jedoch dagegen, daß die Schreibschrift die Gedanken beflügle und erst das kontinuierliche Schreiben bestimmte kognitive Funktionen im Gehirn unterstütze. Das sind Erfahrungen, die auch ich beim Schreiben meiner Tagebücher immer gemacht habe. Manche Schriftsteller finden das auch.

Was auch immer die richtige Entscheidung darstellt, für mich gilt:  Eines ist, etwas in der Schule zu verlernen und das andere ist, etwas, was man gerne und gut gekonnt hat, verlernt zu haben und es mit einem Male zu vermissen. Es war eindeutig eine prekäre Paniksituation, in der ich mich befand, als ich entdeckte, nicht mehr „richtig“ Schreiben zu können. Dem muss unbedingt abgeholfen werden, dachte ich kampfeslustig.  Das Wiedererlernen der feinmotorischen Tätigkeit und des damit verbundenen ästhetischen Ausdrucks wurde mir so von einem Tag zum Anderen zu einem wichtigen Anliegen und beschäftigt mich bis heute.

Aber was tun? Wieder mit dem Tagebuchschreiben beginnen? Einträge auf meinem Blog in meiner Schreibschrift anbieten? Meinen Outlook-Kalender, der das Rückgrat meines und der mit meiner Arbeit verbundenen Personen darstellt, abschaffen und zum einstmals so gehypten und auch teuren Filofax zurückkehren? Lange Liebesbriefe schreiben? Regelmäßig Postkarten versenden, von denen die Schweizer Satirikerin Hazel Brugger gesagt hat, sie wären eine Vorform des Twitterns mit nur einem Follower? Mit einem Male wird mir bewußt, das meine schriftliche Kommunikation fast völlig durch das Verhältnis Hand-Tastatur-Bildschirm ersetzt wurde. Wo ist all meine Phantasie geblieben, das Galopperen der Gedanken im Schreibstift, die gefällig individuelle Form meiner Entäußerungen, die Befriedigung über eine fertiggeschriebene Seite?

Die offizielle bzw. informelle Abschaffung der Schreibschrift ist indes auch in den Sozialen Medien nicht unentdeckt geblieben und hat offenbar indirekt einen neuen Trend begründet: das sogenannte Bullet Journal. Der Standard titelt vordergründig kritisch: Verkaufshit leeres Notizbuch. Ich bin über die Postings der labyrinthbewohnerin darauf aufmerksam geworden, die sich mit dieser Form des Planers intensiv auseinandergesetzt hat.

Entwickelt wurde es von dem New Yorker Designer Ryder Caroll, der einen rein analoge Methode suchte, um sein Leben zu organisieren und dieses in trial and error Verfahren zu perfektionieren versuchte. Die Grundausstattung: ein Notizbuch und einen Schreibstift. Seinen Namen bekam dieses Art von Journal von den von ihm vorgeschlagenen Bullets als Gliederungssystem. Es ist eine Kombination aus einer To Do List, einem Tagebuch, einem Notizbuch und einem Skizzenbuch. Im Wesentlichen besteht es aus einem Ordnungssystem, das aus verschiedenen Modulen besteht: dem Index, dem Future Log, dem Monthly Log und dem Daily Log.

Schwerpunkte zu setzen obliegt einem selbst, je nachdem für welche Bedürfnisse man sein Bullet Journal verwendet. Und das ist der Punkt, ab dem es beginnt, interessant zu werden. All die Tagebücher, Notizbücher und To Do Lists gibt es ja bereits als plattformübergreifende Apps, jedoch ohne die Möglichkeit, sie kreativ zu gestalten und komplett seinen Bedürfnissen anzupassen. Jetzt darf ich mich kreativ austoben UND wieder zu einer Regelmäßigkeit des Hand-Schreibens und -Malens zu kommen. Ist das die Möglichkeit des alltäglichen Schreibens, zu der ich wieder zurückfinden will? Sollte ich das Bujo ausprobieren? Immerhin befinden wir uns am Beginn eines Neuen Jahres und ich habe Muße, um mich derartigen Dingen zu widmen. Wie heißt es so schön im Standard in Bezug auf das Rückzugsbüchlein:

Dabei handelt es sich bei den Journals keinesfalls um Malhefte für Nerds, sondern eher um eine Art Superfilofax für die Generation Whatsapp. Es ist beeindruckend, mit wie viel Hingabe sich die Benützer ihrem Büchlein widmen. Bestimmt befriedigt der Hype, küchenpsychologisch betrachtet, auch das Bedürfnis nach mehr Ordnung, Ruhe und Rückzug abseits des omnipräsenten digitalen Rummels.

Résume: Offenbar steht ein Besuch bei boesner auf dem Programm, um mich mit Journalen und Siften auszurüsten. Und das wird wieder mal teuer.


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Ein Kommentar zu „Über den Verlust der Schreibfähigkeit.

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