Kultur · Remembrance

Auch Statuen sterben

Apropos: Statuen, die uns über ihre eigene Migration erzählen. Darum ging es in einem meiner letzten Postings. Nun soll einiges zu ihrem Tod notiert werden.

1953 stellten Chris Marker und Alain Resnais den Essayfilm Les Statues meurient aussi (dt. Auch Statuen sterben) fertig. Darin findet sich neben sehr vielen klugen Aussagen auch folgende, gleich am Beginn des Filmes:

Wenn Menschen sterben, treten sie in die Geschichte ein. Wenn Statuen sterben, werden sie zur Kunst. Dieses Naturgeschichte des Todes nennen wir Kultur. Denn die Gesellschaft der Statuen ist sterblich. Eines Tages zerbröckeln ihre Steingesichter und Teile fallen zu Boden. Die Zivilisation hinterläßt solch verstümmelte Spuren ähnlich wie die Kieselsteine, die der Kleine Däumling fallengelassen hat. Letztendlich wird die Geschichte alles verschlingen. Objekte sterben angesichts des flüchtigen Blicks der Lebenden. Und wenn wir selbst verschwinden, werden unsere Dinge an den Platz verbannt, zu dem wir die auch schwarzen Dinge geschickt haben: ins Museum.

Chris Marker, Alain Resnais: Les Statues meurient aussi. Film, 1954. Übersetzung: Gkowar

Die beiden Autoren nehmen in diesem Film zu den kulturellen Konsequenzen des Kolonialismus Frankreichs in Afrika Stellung, der Grundton des Filmes ist als Rezeptionskritik antikolonialistisch, antirassistisch und antikapitalistisch.  Frankreich befand sich gerade in mehreren bewaffneten Auseinandersetzungen mit seinen Kolonien (u.a. Indochinakrieg  1946 – 1956, Algerienkrieg 1954 – 62), was die Aussagen des Filmes für die herrschende Regierung und das kolonialistisch orientierte Establishment inakzeptabel radikalisierte.

Der Film wurde vom Magazin Revue Presence Africaine in Auftrag gegeben, die Dreharbeiten begannen 1950 und wurden 1953 abgeschlossen.  Nach seiner Uraufführung am Festival in Cannes 1953 und trotz des Jean Vigo – Preises, der den Regisseuren für diesen Film 1954 zuerkannt wurde, wurde er zwischen 1953 und 1963 von der französischen Regierung auf die Zensurliste gesetzt und war erst 1968 offiziell wieder erlaubt, blieb aber in weiterer Folge relativ unbekannt. Erst mit der Herausgabe einer Videoedition 2004 war der Film potentiell einem weiteren Publikum verfügbar. Eine deutsche Fassung gab es meines Wissens noch nicht. Man könnte den Film also als quasi-verschollenes Dokument betrachten, gäbe es heute seine Fassungen auf Youtube und Vimeo nicht.

Die Kritik an kolonialer Sammeltätigkeit und daran, daß bei Sammlungen oft deren problematische Herkunft der Objekte verschwiegen wird, ist auch heute noch zu äußern. Einige Museen, so etwa das neu eröffnete Weltmuseum in Wien und insbesondere das hier auf diesem Blog schon erwähnte Museum der Kulturen in Basel thematisieren aber diesen Sachverhalt und eröffnen so für ihre Sammlungen neue und faire Betrachtungsperspektiven.

Hier noch einige Auszüge aus dem Filmessay, der mir auch heute bedeutsam erscheint, gerade auch wegen seiner schon von Beginn an durch die Zensur induzierten geringen Öffentlichkeit. Ich konnte einfach nicht anders, als (sehr frei) zu übersetzen. Trotzdem bin ich mir bewußt, daß der Text ohne die dazugehörigen Bilder nur schwer dem ästhetischen aber auch kunsthistorischen Gewicht des Films Rechnung tragen kann.

(Unwillkürlich musste ich beim Übersetzen an Joseph Conrads 1899 erschienenes Buch Herz der Finsternis denken, das auf andere Weise ähnliche Töne anschlägt.)

Schwarze Kunst: sie sieht so aus, als lägen die Gründe für ihre Existenz alleine im Vergnügen, die sie uns beim Betrachten bereitet. Die Absichten der Schwarzen, die sie geschaffen haben, die Überlegungen und Gefühle der Schwarzen, die sie nun betrachten – all das entgeht uns. Nur weil sie auf Holz geschrieben sind, sehen wir sie als Statuen und anerkennen allein das Pittoreske an ihnen. Die schwarze  Community hingegen sieht sie als Ausdruck von Kultur. (…) Es ist das Zeichen einer verlorenen Einheit, als die Kunst noch die Garantie eines Übereinkommens zwischen dem Menschen und der Welt darstellte. Es ist das Zeichen der Ernsthaftigkeit eines alten Afrika seiner Ahnen, jenseits der Zeit der Verschmelzung der Rassen und der an seinen Ufern auftauchenden Sklavenschiffe.  Die Geschichten der nach Afrika gereisten Weissen sprachen hingegen von Beginn an von Monstern, Flammen und diabolischen Geistererscheinungen.

Dies ist die erste Unterteilung der Erde. Hier ist der Fötus der Erde. Hier ist Afrika im 11. Jahrhundert, im 12., im 15., im 17. Jahrhundert. Von Epoche zu Epoche, während seine Umrisse langsam enthüllt wurden, wurde Afrika immer mehr zu einem Territorium der Rätsel. Schwarz war zur Farbe der Sünde geworden. Die Weissen projizierten ihre eigenen Dämonen auf die Rücken der Schwarzen, in dem Bemühen, sich von den eigenen Dämonen zu befreien. Und doch, jenseits der Wüsten und Wälder, von denen wir glaubten, sie grenzten an das Königreich des Teufels, entdeckte der Reisende Nationen und Paläste.

Welches Lied hat diese kleine Prinzessin in den Schlaf gewiegt? Ist diese Orange in den Höhlen von Benin gereift? Welcher Kult hat über diese kleine Republik der Nacht geherrscht? Wir wissen es nicht mehr. Die großen Reiche Afrikas sind durch die Geschichte zu toten Königreichen geworden. Als Zeitgenossen von St. Luis oder der Jeanne d’Arc sind sie uns sogar noch unbekannter als die Reiche der Sumerer und Babylonier. In den letzten Jahrhunderten haben die Flammen der Eroberer diese Vergangenheit in ein absolutes Dunkel verwandelt. Schwarz gegen Schwarz, schwarze Kämpfe in der Nacht der Zeit; der Untergang dieser Zivilisationen hat uns nur die wunderschön ornamentierten Relikte zurückgelassen, welche wir nun befragen.

Wenn auch ihre Geschichte ein Rätsel für uns ist, sind die Umrisse der (betrachteten) Figuren nicht fremd für uns. (…) Es ist nur gerecht, daß die Schwarzen auf eine Zivilisation stolz sind, die so alt wie unsere ist. Unser beider Vorfahren können sich von Angesicht zu Angesicht betrachten, ohne den Blick mit leeren Augen senken zu müssen. Aber diese Bruderschaft im Tod genügt uns nicht. Es ist uns eigen, daß wir die wahre Schwarze Kunst entdecken wollen ….

Chris Marker, Alain Resnais: Les Statues meurient aussi. Film, 1954. Übersetzung: Gkowar

 


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