Kultur

Ich bin kein Kartograph, ich bin Erzähler!

Isabel Greenberg: Die Enzyklopädie der Frühen Erde. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Berlin, 2014. ISBN: 978-3-518-46561-5 Klappenbroschur, 176 Seiten.

Ein Nachschlagewerk bzw. eine Zusammenfassung des Wissens über die  „Frühe Erde“ will dieses Buch sein, schrittweise führt es uns von Geschichte zu Geschichte, um zu berichten, wie es zur unmöglichen Liebe zweier gegensätzlicher Menschen gekommen ist. Eine wunderschön gemachte Graphic Novel, die poetisches Potential hat.

Die Geschichte eines jungen Mannes und Geschichtenerzählers  aus einem fiktiven Nordland wird erzählt, welcher als Kind durch den Egoismus seiner Mütter (sic!) und einen unfähigen Schamanen seine Seele verloren hat.  Bei der Suche nach seinem verlorenen Selbst reist er durch die vier Kontinente Nordland, Britarnitarka, Migdal Bavel und Südpol, erlebt zahlreiche Abenteuer und erfährt viele Geschichten, die aneinandergereicht den Bestand der Mythen der „Frühen Erde“ darstellen. Berührende Erzählungen sind darunter, etwa von den „Drei Schwestern auf der Sommerinsel“ oder von den „Drei Kindern des Berges“, aber auch altbekannte Stoffe werden angesprochen, die Isabel Greenberg verkürzt und respektlos neu erzählt: die Geschichte von Odysseus, von Jonas und dem Wal,  vom Turmbau zu Babel oder von der Sintflut. Über all dem Geschehen wacht eine Gottheit namens Vogelmann mit seinen Kindern Kid und Kiddo, welche beide wiederholt in das Leben unseres Helden eingreifen. Der Vogelmann selbst ist im Grunde nur mit sich selbst beschäftigt, ein abwesender, mitunter auch sehr grausamer und nur auf sich selbst bezogener Gott ohne Erbarmen für seine eigenen Geschöpfe.

Während mich die stimmungsvollen Zeichnungen mit ihrer großen Liebe zum Detail, der effektvollen Farbgebung und der groben, holzschnittartigen Linienführung während des Betrachtens sofort gefangennehmen, stelle ich mir die Frage, ob es heute überhaupt möglich ist, Geschichten zu erfinden, die, wenn auch nur für Augenblicke, so etwas wie einen neuen Schöpfungsmythos generieren können. Dazu hätte ich mich gerne von diesen Bildern verführen lassen und auch mitunter von den prägnanten Beschreibungen. Aber dann rissen mich immer wieder die Dialoge der Figuren aus meinen Phantasien, die zwischen Umgangssprache und Slang wechselten und wohl auch sehr achtlos und unsensibel ins Deutsche übersetzt wurden. Wenn von einer Alten Weisen Frau namens „Weise Schrulle“ gesprochen wird, mag das Respektlose dabei durchaus als jugendlich charmant durchgehen, ein in allen deutschsprachigen Ländern sofort erschließbare und sprachneutrale Übersetzung ist das nicht. Auch weiß ich nicht, was „außerkörperliche Visionen“ sein sollen und finde die Übernahme der englischen Bezeichnungen „Kid“ und „Kiddo“ oder die Bezeichnung „knallheiße Wurst“ mäßig professionell. Ein wenig mehr Behutsamkeit im Übersetzen und wohl auch im Umgang mit Umgangssprache und Slang (die durchaus auch ihren  Reiz haben können), hätte den „bezaubernden“ Zeichnungen durchaus mehr Ernsthaftigkeit geben können.

Obwohl diese Graphic Novel durchaus ansprechend ist, gelingt der Mythos von der „Frühen Erde“ nur teilweise. Daran ist die Sprache (Übersetzung?) schuld, aber auch das oft wahllos benutzte Sammelsurium an bekannten Mythen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Ihre Aneinanderreihung wirkt bemüht und nicht immer zwingend, ist in schlechtem Sinn postmodern.  Aber sollte man/frau von einer Graphic Novel nicht zu viel erwarten? Dennoch: die Zeichnungen der jungen Isabel Greenberg haben das Zeug zu mehr und deshalb mag ich diesmal gerne so respektvoll kritisch sein. Wir wünschen der jungen Zeichnerin auf ihrem weiteren Weg viel Erfolg und dem Buch viele LeserInnen.

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