Kultur · Logbuch

Museumsmigranten. Von Indonesien nach Basel und Belgrad.

Manchmal habe ich es satt, immer nur für das Blablabla der Eröffnungsreden zur Verfügung stehen zu sollen. Manchmal füge ich mich den Zumutungen des Betriebes, manchmal verweigere ich mich, manchmal versuche ich einen dritten Weg. Letzteren habe ich anläßlich einer Tagung zu Migrationsfragen in Belgrad eingeschlagen. In Rückbesinnung auf einen vorangegangenen Museumsbesuch in Basel mutete ich dem Publikum in Belgrad folgende Eröffnungsworte zu. Dem Verständnis halber rück-übersetze ich ins Deutsche.

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Liebe KollegInnen!

Herzlichen Dank, daß ich an diesem Runden Tisch zu Migrationsfragen teilnehmen darf.

So viel ist schon zu Migration gesagt worden, und so viel hat noch diskutiert aber vor allem getan zu werden. Anstatt einer Eröffnungsrede habe ich Ihnen heute zwei Dinge aus der Schweiz mitgebracht: (1) meine Eindrücke von einer Ausstellung mit dem Titel „Migration – Bewegte Welt“ im weithin gepriesenen Museum der Kulturen in Basel und (2) die Worte einer Gruppe von verwahrlosten Personen, die sich seit langer Zeit im Keller des Museums aufhalten.

Die KuratorInnen des Museums der Kulturen haben meist viel Platz in ihren Ausstellungen zur Verfügung. Das Konzept des Museums sieht nämlich vor, gegenwartsrelevante Themen in den Vordergrund zu stellen und sich mit der Präsentation von Sammlungen zurückzuhalten. Das schafft die Möglichkeit, zentrale Dinge im Raum sprechen zu lassen.

Mit diesem Vorwissen begab ich mich in den fünften Stock des Museums, um dort mit der Großzügigkeit der Ausstellungsgestaltung konfrontiert zu werden. In der ersten langen Flucht des Saales deshalb nur zwei Objektbereiche: ein kompaktes Objekt von 12 Holzfiguren  aus Indonesien, welches das mythische Wandern in Naturreligionen symbolisieren soll. Danach eine langgestreckte Installation mit Glasfiguren von Matteo Gonet aus dem Jahr 2017, welche die Migrantenströme und deren statistische Erfassung symbolisieren sollen. Erst als ich die Videoprojektion über den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko links vor mir liegengelassen habe stoße ich quasi auf der Hinterseite des ersten Raumes auf meine nunmehr liebgewonnen Freunde aus dem Museum.

Da waren sie: sicherlich mehr als 50 Holzfiguren, hier in einer langen Reihe angeodnet, die aus der Asiensammlung des Museums an die Oberfläche und ins Licht gefördert worden waren. Diese Persönlichkeiten waren einst von reichen Basler SammlerInnen von ihren Reisen nach Südostausien und anderen Weltgegenden mitgebracht und dem Museum vermacht worden. Was aber sollten die stummen ZeugInnen erzählen, warum standen sie so kommentarlos vor den Besuchern: ohne Erklärung zu ihrem Hintergrund, ihrer Funktioni ihrer Verortung und ihrem ihnen zugemuteten Namen.

Etwas hilflos suchte ich nach einer Erklärung und etwas versteckt fand ich ein Schild mit dem die ins Museum Verschleppten zu mir und heute zu Ihnen sprechen:

Was schaut ihr uns an? Wir sind hier nicht ausgestellt! Wir spielen nicht die Hauptrollen. Wir stehen hier, um hinzuschauen , mit euch. Wir beobachten mal mit weit aufgerissenen Augen; kritisch, selbstbewusst, staunend; zornig, grimmig, trotzig; demütig; verängstigt, erschrocken; gelangweilt, geduldig, gleichmütig, müde, verbissen; fragend.

Ja, das sind einige unserer Gemütslagen. Ihr vermeint uns zu kennen. Doch der Schein trügt. Ihr seht uns und seht uns doch nicht.

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Wir sind Migranten. Aus aller Welt. Wir dienten unseren Kulturen, in unterschiedlichen Funktionen. Wir wurden geschätzt, teils sogar verehrt. Wir hatten ein gutes Leben, bis wir zu Migranten wurden. Die Hintergründe dafür waren so individuell wie wir: gesammelt im Namen der Wissenschaft, mitgenommen weil eine Augenweide, verkauft für ein wenig Luxus, entsorgt, weil schon etwas älter.

Die Migration war mitunter beschwerlich. manche von uns erlebten eine wahre Odyssee. Meist wurden wir verpackt und weggesperrt in Koffern, Kisten oder Containern. Wir blieben im Dunkeln. Tage_, wochen_, monatelang. Einige wechselten den besitzer. Die Zoll- und Einfuhrbehörden ignorierten uns meist. Zuweilen wurden wir durchsucht. Dass wir heute teils ramponiert aussehen, verdanken wir diesen, unseren Biografien. Ständig waren wir mit Neuem konfrontiert. Ungewissheit prägte unser Dasein.

Heute sind wir nicht mehr, was wir einmal waren. Wir haben im museum neue Aufgaben, sollen Repräsentanten einer anderen, einer fremden Welt sein. Wir sollen authentisch sein! Dazu fehlt uns der alte Kontext. Für uns wird gesorgt, wir sind in Sicherheit, doch wir müssen und an unzählige Vorschriften halten und Konventionen bedienen.

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Die Migration ist ein Konzept mit Widersprüchen. Wir selber sind voller Widersprüche. Wir sehen uns als heimatlos, obwohl wir eine neue Heimat gefunden haben. Uns geht es hier gut; aber sind wir glücklich? Zurück wollen wiur nicht. Wir leben in Erinnerungen. Wir sorgen für reiche Ernten, Kindersegen, heilung und erfolgreiche Reisen. Daran ist nichts Exotisches. Da könnt ihr uns noch lange anstarren.

Wir unterscheiden uns kaum von menschlichen migranten. Schaut nicht weg! Blickt mit uns auf die Ausstellung, auf das Phänomen Migration. Seht ihr, ihr seht es mit anderen Augen.

Text in der Sonderausstellung „Migration – Bewegte Welt“ (19. 5 2017 – 21. 1. 2018 ). Museum der Kulturen Basel

Ein Kommentar zu „Museumsmigranten. Von Indonesien nach Basel und Belgrad.

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